Bundesliga-Skandal 1971 - Die Telefon-Protokolle

 

MANGLITZ: Manglitz.
CANELLAS: Guten Abend, Herr Manglitz. Herr Manglitz, Herr Konrad hat gesagt, ich soll einmal anrufen.
MANGLITZ: Ja, ja richtig. Er wollte heute Mittag mit mir sprechen; da hatte ich aber Besuch, da konnte ich nichts sagen. Ja jetzt bin ich allein und kann sprechen.
CANELLAS: Herr Manglitz, ich habe heute gehört, Sie würden am Samstag gar nicht spielen.
MANGLITZ: Ja, was Besseres kann Ihnen doch gar nicht passieren.
CANELLAS: So.
MANGLITZ: Sonst ist soweit alles geregelt. Aber passen Sie auf, der Herr Konrad hat mir was gesagt, mit dem Jupp Kapellmann. Ja, ja, ja der ist mir was zu grün für diese Sache.
CANELLAS: Zu grün?
MANGLITZ: Der ist 20 Jahre, und ich habe nicht gerne in so 'ner Sache so grüne Jungs, die quatschen mir zuviel, verstehen Sie das?
CANELLAS: Jawohl.
MANGLITZ: Man muß wissen, mit wem man was macht und was man macht und so weiter, das können keine Zwanzigjährigen, die überall drinhängen und erzählen. - Übrigens, das ich nicht spiele, ist noch nicht hundertprozentig, aber ich sage Ihnen, normal kann ihnen nichts Besseres passieren.
CANELLAS: So.
MANGLITZ: Der Soskic hat in den letzten zwei Jahren zweimal gespielt.
CANELLAS: Und wie sieht es nun im Detail aus?

Im Bundesligaspieljahr 1970/1971 häuften sich im Abstiegskampf „überraschende“ Resultate. Leidtragend war dabei Kickers Offenbach, die mit fortschreitendem Saisonverlauf immer weiter in den Abstiegssog gerieten. Dies rief den Kickers-Präsidenten Horst-Gregorio Canellas, angestiftet von seinem Stellvertreter Waldemar Klein („Boss, wir müssen Spiele kaufen, die andern schieben doch schon lange.“) auf den Plan. Angeblich zum Schein, um Beweise zu sammeln, setzte er sich mit dem Kölner Torwart Manfred Manglitz in Verbindung. Ihm wurden 100.000 DM geboten, wenn Offenbach am letzten Spieltag in Köln gewinnt. Zudem versuchte Canellas den Hertha BSC-Spielern Tasso Wild und Bernd Patzke eine Siegprämie von 140.000 DM für deren Spiel gegen Arminia Bielefeld anzubieten. Weiterhin erkundigte er sich bei dem Braunschweiger Intimus Herrn Lamers, wie sich die dortige Eintracht gegen Rot- Weiß Oberhausen verhält.

Teile der von Canellas mitgeschnittenen Telefongespräche veröffentlichte die DDR-Zeitung „Der Sonntag“ am 27.06 1971. Im Zuge des Schiedsrichterskandals 2005 möchte interpool.tv die teils kuriosen Gespräche seinen Lesern nicht vorenthalten.


Manglitz: "Man muß ja wissen, mit wem man was macht"

MANGLITZ: Manglitz.
CANELLAS: Guten Abend, Herr Manglitz. Herr Manglitz, Herr Konrad hat gesagt, ich soll einmal anrufen.
MANGLITZ: Ja, ja richtig. Er wollte heute Mittag mit mir sprechen; da hatte ich aber Besuch, da konnte ich nichts sagen. Ja jetzt bin ich allein und kann sprechen.
CANELLAS: Herr Manglitz, ich habe heute gehört, Sie würden am Samstag gar nicht spielen.
MANGLITZ: Ja, was Besseres kann Ihnen doch gar nicht passieren.
CANELLAS: So.
MANGLITZ: Sonst ist soweit alles geregelt. Aber passen Sie auf, der Herr Konrad hat mir was gesagt, mit dem Jupp Kapellmann. Ja, ja, ja der ist mir was zu grün für diese Sache.
CANELLAS: Zu grün?
MANGLITZ: Der ist 20 Jahre, und ich habe nicht gerne in so 'ner Sache so grüne Jungs, die quatschen mir zuviel, verstehen Sie das?
CANELLAS: Jawohl.
MANGLITZ: Man muß wissen, mit wem man was macht und was man macht und so weiter, das können keine Zwanzigjährigen, die überall drinhängen und erzählen. - Übrigens, das ich nicht spiele, ist noch nicht hundertprozentig, aber ich sage Ihnen, normal kann ihnen nichts Besseres passieren.
CANELLAS: So.
MANGLITZ: Der Soskic hat in den letzten zwei Jahren zweimal gespielt.
CANELLAS: Und wie sieht es nun im Detail aus?
MANGLITZ: Im Detail sieht es aus, daß ich füngf Mann habe, die mitmachen, Ja?
CANELLAS: Ja.
MANGLITZ: Ich werde auch noch mit dem Soskic sprechen; der macht sowieso sein letztes Spiel, der geht ja zurück nach Jugoslawien.
CANELLAS: Ja.
MANGLITZ: Das konnte ich aber heute nicht. Ich möchte ihn nicht einweihen, bevor ich nicht weiß, ob er spielt oder ob ich spiele.
CANELLAS: Ja, richtig, richtig,
MANGLITZ: Ich kann ja jetzt nicht sagen, so ist die Sache, dann spielt er nicht und weiß davon, das kann ich noch nicht. Aber ich weiß nur, der macht sein letztes Spiel.
CANELLAS: Ja, ja. Und wer sind die fünf?
MANGLITZ: Her Canellas, sind Sie mir bitte nicht böse, aber ich möchte es bitte nicht sagen, in Ihrem als auch in meinem Interesse.
CANELLAS: Richtig.
MANGLITZ: Ja, haben Sie bitte das Verständnis. Ich kann nicht sagen, das ist der, das ist der, das ist der, ich kenne'se, die fünf wissen unabhängig voneinander, der eine weiß nichts von dem anderen, das ist in dieser Sache besser. Wenn mal irgendwie was kommt oder was ist, dann ist es nicht gut, daß es dann zu vielen bekannt ist.
CANELLAS: In Ordnung.
MANGLITZ: Ja, Sie können sich darauf verlassen, es sind fünf Mann, und es gibt überhaupt nichts, daß da was schiefgeht, glauben Sie es mir.
CANELLAS: Ja, ich glaube es.
MANGLITZ: Ja. Jetzt ist nur die Sache: Wann treffen wir uns mal?
CANELLAS: Ja, am liebsten wäre mir am Freitag.
MANGLITZ: Am Freitag, gut, können wir machen. Wann? Ich würde sagen, so gegen 6.
CANELLAS: Ja. Und wo?
MANGLITZ: Ich würde sagen, am besten ist im Wagen, nicht in irgendeinem Lokal.
CANELLAS: Das überlasse ich Ihnen.
MANGLITZ: ... und besprechen dann die ganze Sache im Wagen; denn in einem Lokal? Ich weiß nicht ...
CANELLAS: Ja, ist richtig. - Also am Freitag um 6.
CANELLAS: Ja. - Jetzt noch eine FRage,Herr Manglitz. Wenn das mit den hunderttausend ...,nehmen Sie mal an, es klappt nicht, wie verbleiben wir dann?
MANGLITZ: Ja, ich sehe nicht, warum es nicht klappen soll .... wie meinen Sie das jetzt?
CANELLAS: Na ja, wenn wir trotzdem verlieren.
MANGLITZ: Dann kriegen Sie es zurück.
CANELLAS: Kriege ich es zurück. Bitte, ich frage Sie nur. Also: Sie garantieren dafür mit einem Wort?
MANGLITZ: Ja. ...
CANELLAS: Ich bedanke mich.
MANGLITZ: Gut, Her Canellas. Wir sehen uns am Freitagabend: Sie bringen das mit.
CANELLAS: Ich bringe das mit.
MANGLITZ: Alles klar, Herr Canellas.
CANELLAS: Wiedersehen.
MANGLITZ: Tschüs, vielen Dank Herr Canellas.
CANELLAS: Tschüs.

Wild: “Ist das Spiel gewonnen, wechselt die Tasche den Mann“

Canellas: Ja, Canellas
Wild: Wild.
Canellas: Herr Wild, guten Abend. Herr Wild, bitte, ich habe mit Herrn Patzke heute Mittag gesprochen.
Wild: Hat er gesagt.
Canellas: Er hat mir gesagt, er hätte es Ihnen in die Hand gegeben.
Wild: Ja.
Canellas: Wie sieht es denn aus?
Wild: Wir sind dort mit den anderen zusammen.
Canellas: Was? Sind Sie mit der anderen Mannschaft zusammen?
Wild: Nein, mit den anderen vom Verein.
Canellas: Ach von Bielefeld?
Wild: Ja.
Canellas: Sie sagten mir gestern 120.- Sie sagten mir gestern 120 000.
Wild: Also hören Sie mal, ich habe einen ganz duften Vorschlag: Weil es Offenbach ist, und ohne Kuhhandel hin und her: 140, und die Sache ist für Sie in Ordnung.
Canellas: 140.
Wild: Ja.
Canellas: Und wie müßte die Übergabe vonstatten gehen, Herr Wild?
Wild: So schnell wie möglich.
Canellas:Herr Wild, ja wo denn?
Wild: Könnt Ihr jemand `raufschicken, oder was?
Canellas: Ich muß ja einen schicken, oder wollten Sie; Sie können ja nicht `runterkommen.
Wild: Nein. – Wir machen das so aus: der bringt das Geld mit, wir wollen es sehen.
Canellas: Das Geld sehen, ja.
Wild: Dann stellt der sich mit irgendeinem Verbindungsmann mit mir auf die Stehränge oder sonstwohin.
Canellas: Jawohl.
Wild: Ist das Spiel gewonnen, wechselt die Tasche den Mann...
Canellas: Ja.
Wild: In der Tasche ist das Geld, und geht leer zurück. Ist das fair?
Canellas: Ja, das ist fair.
Wild: Gut.
Canellas: Ja, meinen Sie denn, dass die Bielefelder noch einmal überbieten und Sie dann umfallen?
Wild: Nein. Ich sage Ihnen das jetzt ganz offen – aber wehe, wenn da was `rauskommt.
Canellas: Da kommt doch nichts `raus.
Wild: …die wollen 220 bezahlen.
Canellas: 220 000?
Wild: Ja.
Canellas: Um Gottes willen.
Wild: Aber das gibt bei Ihnen praktisch überhaupt kein Risiko.
Canellas: Ja.
Wild: Wenn wir da einsteigen, dann ist die ganze Karriere gefährdet und alles.
Canellas: Aber Tasso, die gehen ja ganz schön `ran, was?
Wild: Ja, die haben angefangen auch mit 120.
Canellas: Und, Herr Wild, Sie würden den Bielefeldern absagen?
Wild: Ich sage Ihnen, wenn Sie mir das jetzt zusagen, dann sage ich heute denen ab.
Canellas: Sagen Sie den Bielefeldern ab?
Wild: Ich muß sagen, die ganze Mannschaft, die waren alle dafür, dass Offenbach drinbleibt.
Canellas: Daß Offenbach drinbleibt.
Wild: Weil sie sagen, wir fahren doch lieber in den Süden runter, als wie in den Westen rein. Und auch: für uns gibt es überhaupt kein Risiko.
Canellas: Für euch kein Risiko, ja.
Wild: Sie können. Wenn uns ein Gönner Geld schenkt, na und? Und Sieg, das ist doch das Beste.
Canellas: Ja.
Wild: Da wird keiner betrogen, das ist doch ganz einfach.
Canellas: Ja.
Wild: Und wollten nur einige kaufen. Aber das ist Quatsch. Das spricht sich rum, dann sagt mal der eine was, dann sagte der zweite, das ist schlecht – so sind alle 12 oder 13 Mann ruhig beteiligt.
Canellas: Ich bedanke mich.
Wild: Am Freitag, 1 Uhr, alles klar.
Canellas: Alles klar.
Wild: Okay, tschüchen.
Canellas: Wiedersehen.

 

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Lamers: „Habt Ihr denn ein Angebot von denen?“

Canellas: Ich kann Sie nicht verstehen. – Herr Lamers, guten Tag, bitte.
Lamers: Ich begrüße Sie.
Canellas: Wie sieht es den aus, habt Ihr denn ein Angebot von denen?
Lamers: Ich sage Ihnen: nein.
Canellas: Nein?
Lamers: Ich habe dem Willi schon gestern gesagt, daß ich gestern abend mit dem Lothar in Dings war.
Canellas: ja, wo?
Lamers: In Bielefeld.
Canellas: In Bielefeld waren Sie mit Lothar?
Lamers: Die machen was.
Canellas: Die machen was? Und in welcher Höhe müsste was gemacht werden?
Lamers: Genau wie hier.
Canellas: Also wie Sie sagten, 20 000? Und wie viel Leute würden da auf Sieg spielen?
Lamers: Alle.
Canellas: Alle?
Lamers: Es spielt Erler, es spielt Gerwien, die ganze Mannschaft ist unheimlich verschworen.
Canellas: Verschworen. Und die würden dann auf Oberhausen nicht hören?
Lamers: Nicht, es ist alles gerichtet, es ist alles nicht wahr, was hier geredet ist.
Canellas: Das ist nicht wahr, ist klar.
Lamers: Und wir wollen natürlich das Geld vorher sehen.
Canellas: Vorher sehen. Vorher sehen, na, ist gut. – Herr Lamers, ich rufe wieder an. Und bis wann müsste das dasein?
Lamers: Bis Freitag.


Patzke: “Wir spielen auf Sieg”

Patzke: Hallo.
Canellas: Ja, Canellas.
Patzke: Tag, Herr Canellas.
Canellas: Herr Patzke, sagen Sie, Sie wollten doch anrufen.
Patzke: Der Herr Wild hat zu mir gesagt, daß er das übernimmt. Er wollte Sie um 2 Uhr anrufen.
Canellas: Können Sie ihn nicht mal anrufen, daß er mich anruft?
Patzke: Ja, ich kann Ihn aber selbst sagen, daß ich ihn erst 6 Uhr sehe. Er ist doch zum Bundesliga-Aufstiegsspiel. Da wird er Sie anschließend anrufen.
Canellas: Sagen Sie, er hat doch gestern zu mir gesagt – Ihnen war das doch ein bisschen heiß -, er hat zu mir gesagt, er wollte es schon haben… Ich habe gebeten, bis Donnerstag früh. Dann hat er gesagt, nein. Sie müssen sich zwischen halb und 2 Uhr entscheiden, weil nachmittags die Bielefelder kommen.
Patzke: Herr Canellas, ich weiß, daß gestern abend einer von Bielefeld schon da war.
Canellas: War schon einer da.
Patzke: Ich kann Ihnen aber eines versichern, ich spreche ganz ehrlich mit Ihnen.
Canellas: Ja, ich weiß, Sie sind ja ehrlich.
Patzke: Ich sage Ihnen das, Sie können mir glauben, ich werde alles machen. Wir spielen auf Sieg...

Am Spieltag, dem 5.Juni 1971, hob Offenbach die Scheinangebote kurzfristig auf. Manglitz verzichtete auf seinen Einsatz, ließ Soskic ins Tor. Offenbach verlor beim 1.FC Köln 2:4. Obwohl Canellas hinterher behauptete, er hätte nur zum Schein geboten, saß sein Stellvertreter Waldemar Klein mit 140.000 DM im Berliner Olympiastadion. Dort sah er eine schwache Hertha, die durch Gerd Roggensacks Treffer 1:0 gegen Bielefeld verlor. Dafür kassierten die Berliner 250.000 DM von der Arminia, Klein nahm seinen gefüllten Geldkoffer wieder nach Hause. Oberhausen spielte in Braunschweig 1:1, Arminia Bielefeld hielt scheinbar die Klasse.

Einen Tag später, am 6.Juni 1971, ließ Canellas bei der Party zu seinem 50.Geburtstag die Bombe platzen. Er spielte den Gästen, darunter viele DFB-Funktionäre und Bundestrainer Helmut Schön, die Tonbänder mit obigen Gesprächen vor. Der Bundesligaskandal 1971 geriet ins Rollen.

Die hier erwähnten Personen wurden folgender Maßen bestraft: Horst Gregorio Canellas, Sperre auf Lebenszeit, begnadigt am 16.12.1976; Waldemar Klein, Sperre 24.07.1971-01.07.1972; Manfred Manglitz, Sperre 24.07.1971-06.11.1974 und 15.000 DM Geldbuße; Tasso Wild und Bernd Patzke, jeweils Sperre 24:07.1971-30.06.1975, aber Freigabe fürs Ausland, beide begnadigt am 26.11. 1973. Mehrere Braunschweiger Spieler bekamen 4.400 DM Geldbuße aufgebrummt.

Kickers Offenbach wurde am 24.07.1971 die Lizenz für zwei Jahre entzogen. Arminia Bielefeld spielte die nächste Saison in der Bundesliga, der Lizentzug traf sie am 15.04.1972, die erzielten Punkte wurden auf „Null“ gesetzt. Es folgte die Versetzung in die Regionalliga am Ende der Saison 1971/1972, zudem gab es eine Geldstrafe von 50.000 DM fürden Verein.

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