sport inside: "Der Fluß des Geldes"

Ein Film von Benjamin Best und Fred Kowasch 

 

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Vor wenigen Tagen. Verhandlung vor dem Bochumer Landgericht. Hier geht es mittlerweile beschaulich zu. Weitgehend unbeobachtet erscheinen Richter, Staatsanwalt, Verteidiger und die Angeklagten. Mehr als drei, vier Besucher und einige Journalisten sind nicht da. Dabei geht es hier um einen Fall, der alle Dimensionen sprengt.


 

Ein Film von Benjamin Best und Fred Kowasch

Europas grösster Wettskandal. Auf einer Pressekonferenz im November 2009 wird das Ausmaß deutlich. 200 verschobene Spiele in neun Ländern, 50 Durchsuchungen, 15 vorläufige Festnahmen. Die Ermittler sprechen von der Spitze eines Eisberges. Die Öffentlichkeit ist geschockt.

 

Vor wenigen Tagen. Verhandlung vor dem Bochumer Landgericht. Hier geht es mittlerweile beschaulich zu. Weitgehend unbeobachtet erscheinen Richter, Staatsanwalt, Verteidiger und die Angeklagten. Mehr als drei, vier Besucher und einige Journalisten sind nicht da. Dabei geht es hier um einen Fall, der alle Dimensionen sprengt.

 

So kam alles in Rollen.

Im Januar 2009 ermittelt die Bochumer Polizei im Bereich der Organisierten Kriminalität. Als sie Telefone anzapfen, hören die Beamten plötzlich Gespäche mit, bei denen Zocker planen einen Fußballclub zu kaufen. Um dort ihre eigenen Spieler zu platzieren. Es geht um den UR Namur, ein Verein der zweiten belgischen Liga.


Jean-Claude Baudart (Ex-Präsident UR Namur):

„Sie haben nie etwas im Voraus bezahlt. Sie haben nur, seit September 2008, das Gehalt der Spieler bezahlt, die sie nach Namur gebracht haben. Aber es waren noch andere Spieler, die durch ihren Vermittlung hierhin kamen."


Der Vertrag zwischen den Wettpaten und dem belgischen Zweiligisten UR Namur. Sport inside liegt eine Kopie des Schriftstückes vor. Für 700.000 Euro wollen die Wettpaten den Verein übernehmen. Vertraglich festgeschrieben wird auch, dass sie eigene Spieler mitbringen können.

 

Bei den Ermittlungen stossen die Bochumer Beamten auch auf Gespräche in denen es um Spielmanipulationen geht. Nur wenig später meldet sich per Telefon ein in der Szene bekannter Name - Ante Sapina. Der einschlägig vorbestrafte Zocker vom Berliner Cafe King mischt auch diesmal wieder kräftig mit.

 

Im Oktober 2010 beginnt in Bochum der erste Prozeß im Wettskandal. Allein die Akten umfassend mehr als 14.000 Blatt Papier. Auf der Anklagebank sitzt erst einmal die zweite Garde der Wettbetrüger. Die vermeintlichen Drahtzieher werden als Zeugen gehört.

 

Was Wettpaten wie Ante Sapina vor Gericht erzählen, schockiert. Da werden Schiedsrichter von der Wettmafia gekauft, Spieler erpresst, Europa-League-Matches verschoben. Selbst ein Spiel der WM-Qualifikation steht unter Manipulationsverdacht.

In Deutschland reicht der Wettskandal bis in die zweite Bundesliga. Im Focus stehen immer wieder Fußballprofis. Sie werden verdächtigt, absichtlich falsch und schlecht gespielt zu haben. Zum Beispiel Thomas Cichon, früher Kapitän beim VfL Osnabrück.


Andreas Bachmann (Staatsanwalt Bochum)
„Wir haben hier in den Hauptverhandlungsverfahren bereits von einem Zeugen und von einem der Angeklagten gehört, dass Herr Cichon mehrfach angesprochen worden ist und seine Bereitschaft erklärt hat, Spiele zu manipulieren. Und aufgrund der Zeugenaussage von Herrn Sapina scheint sich dass halt wohl zu verdichten."


Thomas Cichon bestreitet die Vorwürfe bis heute. Auch der ehemalige Fußballprofi Marcel Schuon will niemals absichtlich falsch gespielt haben. Als Zeuge vor Gericht hat er jedoch enge Verbindungen zu den Wettmanipulateuren eingeräumt.

Ihm seien 25.000 Euro in Aussicht gestellt worden, wenn er beim Zweitligamatch in Augsburg manipuliert. Das war im April 2009. Er habe es sich dann aber anders überlegt und nicht manipuliert. Gleichwohl hätte er von einem Wettpaten Geld bekommen, erklärt er vor Gericht.

Schuon hat als einziger eine Strafe von zehn Monaten auf Bewährung erhalten. Wofür ist öffentlich nicht bekannt geworden. Vom DFB ist er bis August 2012 gesperrt.

Auch ein anderer Fußballprofi, der ehemalige St. Pauli-Spieler René Schnitzler, will Geld von der Wettmafia kassiert haben. 100.000 Euro. Ohne dafür eine Gegenleistung in Form einer Spielmanipulation erbracht zu haben.

René Schnitzler (Fußballprofi)
„Es gibt natürlich Leute, die - und es wird auch vielleicht die Mehrzahl sein - die können das nicht glauben. Ich betone noch einmal, dass ich niemals manipuliert habe. Das ich den Schritt an die Öffentlichkeit gemacht habe, mit allen Konsequenzen
BLITZ
Ich wußte genau, als ich die Aussage getan hab, dass die Spekulationen kommen. Aber wenn ich was mache, dann mache ich das zu 100 Prozent und dann stehe ich auch dazu."

Der Fußballwettskandal. Hunderte von verdächtigen Fußballspielen, mehrere Millionen Euro an illegal kassierten Wettgewinnen. Und zehn mutmaßliche Wettpaten, denen der Prozeß gemacht wird. Aber kein einziger Fußballprofi will bei den europaweiten Spielmanipulationen aktiv mitgemacht haben. Logisch ist das nicht.

Stefan Conen (Rechtsanwalt von Ante Sapina)

Das ist auch ein Phänomen, was man, für mich ist es nun der zweite Prozeß in dieser Richtung, was man in diesen Prozessen erlebt: dass die Wetter am Ende geständig sind, die Sportler aber fast durch die Bank weg sagen: wir haben das als eine Gelegenheit gesehen Zusatzgelder einzustreichen, wir haben nie sportregelwidrig gespielt, sondern nur wenn es sowieso so ausgegangen wäre, dann kriegen wir halt eine Prämie, sonst nicht. Wenn das tatsächlich so der Fall wäre, dann hätten die Wetter, die jetzt hier auf der Bank sitzen - neben ihren normalen Wetteinsätzen - eigentlich nur Zusatzkosten. (....)

 

Ist die Betrafung der Wettbetrüger gesetzlich möglich, sieht es bei bei den Fußballprofis anders aus. Hier ist die Manipulation gesetzlich nicht geregelt. Spielbetrüger gehen straflos aus. Zwar hat der DFB bisher sieben Spieler gesperrt, das war es dann auch.

Joachim Müller (Rechtsanwalt eines Angeklagten):
„Das ist ja gerade das Problem. Das ist sicherlich sportgerichtlich relevant, aber strafgerichtlich - nach unserem normalen Strafgerichtsbuch - sind da kaum Anhaltspunkte für vorhanden. Es wäre sicherlich wünschenswert, wenn in so weit die entsprechenden Organisationen ihren Spielern, sprich Mitgliedern Verträge abverlangen würden, die so etwas auch strafrechtlich sanktionierbar machen."

Wenn Sportler in Deutschland betrügen, können sie auf fehlende Gesetze vertrauen. Das ist bei Spielmanipulationen im Fußball nicht anders, als bei der Bestrafung von Dopingvergehen. Andre Länder haben längst einen Straftatbestand Sportbetrug eingeführt. In Deutschland wird darüber noch diskutiert.

Der Fluß des Geldes. Auch er wurde im Prozeß, bei Sapina Zeugenbefragung deutlich. Für eine Million Euro im Monat habe er gezockt, täglich bis zu 30 Wetten platziert.

Die Geldbewegungen haben die Bochumer Ermittler mittlerweile mühsam rekonstruiert. Von einem Konto Sapinas auf Malaysia wurde das Geld über China nach England transferiert. Dort unterhielt Sapina ein Konto bei dem britischen Wettvermittler SAMVO.

SAMVO wiederum platzierte seine Wetten auf dem asiatischen Markt. Ein Markt fast ohne Limits und Kontrolle. Dass er wöchentlich er ein bis zwei Spiele manipuliert habe, darüber wußte SAMVO, so sagt Sapina, Bescheid.

Andreas Bachmann (Staatsanwaltschaft Bochum)
„Herr Sapina hat Angaben dazu gemacht, dass dieses Unternehmen in London ansässig ist und wie ein Wettmakler fungiert. Das heißt: Wetten, die er dort abgegeben hat, an den asiatischen Markt, an asiatische Unternehmen. Und das es zuvor Absprachen mit bestimmten Mitarbeitern des Unternehmens gegeben haben soll, die auch in Kenntnis davon gesetzt sein sollen, bestimmte Wetten, die Herr Sapina dort plaziert hat, eben aufgrund von manipulierten Sportereignissen dort abgegeben worden."

Ein Teil des Wettgewinns landete schließlich auf einem Konto auf der Isle of Man, von wo aus es wieder nach Malaysia transferiert wurde. Bis heute suchen die Ermittler noch immer, wo Sapina seinen gesamten Wettgewinn 'geparkt' hat.

Doch der vorbestrafte Zocker soll nicht allein gehandelt haben. In der Anklageschrift zum laufenden Prozeß ist von einer „Führungsebene" die Rede, von einer Bande, die über ein einheitlichen Konto gezockt und manipuliert haben soll.

ZITAT:

Die gesondert verfolgte Marijo C. , Ante S. und Ivan P. hatten sich zum Zwecke des Zusammenwirkens die Kurzbezeichnung „CAI" gegeben und unter diesem Kürzel ab August 2008 Wettkonten bei dem Londoner Buchmacher und Wettvermittler „Samvo Limitid eröffnet".

Im Prozeß berichteten Zeugen übereinstimmend, dass Sapina über das Konto mit Namen CAI im Wesentlichen nur selbst verfügte. Auch für das abgesprochene Handeln im Sinne einer Führungsebene der Wettpaten - ein Kernpunkt in der Anklage der Bochumer Staatsanwaltschaft - gibt es bisher nur Anhaltspunkte. Zweifel bleiben.

Stefan Conen (Rechtsanwalt von Ante Sapina)
„Der Wetter ist auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Innerhalb dieser Strukturen mag es Allianzen geben auf Zeit, aber immer unter eigenem ausgeprägtem Interesse. Insofern finde ich es schwierig zu sagen, so etwas wie ein Kopf. Denn Weisungsbefugt war hier niemand irgend jemand gegenüber. Und das es genügend Betrügereien untereinander gegeben hat, ist auch alles aktenkundig. Das diese Betrügereien auch konsequenzlos geblieben sind, nicht abgestraft worden sind in einer Hierachie ist auch bekannt."

Andreas Bachmann (Staatsanwaltschaft Bochum)
„Diese Einlassung ist nicht neu, die haben wir schon mehrfach gehört. Dass Leute versuchen sich zu entlasten und immer wieder sagen, ich bin doch nur alleine tätig geworden. Aufgrund der uns vorliegenden, auch objektiven Beweismittel - insbesondere der Auswertung von Telefonaten - erkennt man aber doch, dass dort ein Zusammenwirken stattgefunden hat, von einer bestimmten Personengruppe."

Die Richter gehen mittlerweile von einer Bande an Wettbetrügern aus. Die Beweisführung kommt an ihre Grenzen. Welcher Zocker, welche Spiele manipuliert hat, ist hier nicht immer klar zu beweisen.

Für die zwei voll geständigen Angeklagten hat das Gericht Haftstrafen von „deutlich unter fünf Jahren" in Aussicht gestellt.

Die Ermittlungen laufen unterdessen weiter. Es wird weiter gezockt und es wird wohl auch weiter betrogen. Ab dem 21. März steht mit Ante Sapina auch einer der Hauptangeklagter vor Gericht. Spätestens dann werden die Zuschauerbänke wieder gefüllt sein.

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