'Mission Klassenerhalt' (II) - "Wie im Märchen. Toooooor!"

Es gibt ein Stadion im Leipziger Nordwesten, da scheint die Zeit stehengeblieben, Vergangenheit gegenwärtig zu sein. 1964 wurde hier - im Leutzscher Holz - die BSG Chemie Leipzig völlig unerwartet DDR-Meister. Später spielte der Verein meistens in der zweiten Liga, Staffel C, bis er irgendwann ganz verschwand. Ein paar Unermüdliche fingen - zu Beginn des neuen Jahrtausend - in der 12. Liga wieder neu an. Jahr um Jahr ist 'Chemie' seitdem aufgestiegen, spielt nun in der Regionalliga Nordost. Muss sich dort mit dem 1. FC Lok Leipzig, Energie Cottbus und dem BFC Dynamo messen. Partien mit einiger Brisanz. In 'Mission Klassenerhalt' begleiten wir die Mannschaft durch die Saison.

von Fritz Rainer Polter

7. Ligaspiel + Chemie Leipzig - FSV Luckenwalde 2:1 + Platz 16 (von 18) mit sechs Punkten

6. Ligaspiel + FC Auerbach - Chemie Leipzig 3:0 + Platz 16. (von 18) mit drei Punkten

chemie luckenwalde1Die Kolumne hier nennt sich Mission Klassenerhalt – und hier haben wir es nun, dass erste echte Endspiel, und dies schon am 7. Spieltag der Saison: Der Drittletzte empfängt den Letzten.  Wie viele am Ende absteigen, hängt davon ab, wer aus der Dritten Liga absteigt bzw. welcher Regionalliga-Gruppe jener dann zugeordnet wird. Am besten, man lässt drei andere Mannschaften am Ende hinter sich – da wäre man sicher drin geblieben. Wir, Chemie Leipzig, haben heute also ein sogenanntes Sechspunkte-Spiel: Verlieren wir, verlieren wir drei mögliche Punkte, und ein direkter Kontrahent um das „Drinbleiben“, nämlich der Tabellenletzte aus Luckenwalde, hätte drei mehr. Kann es etwas Spannenderes geben? Nein! Unverständlich, warum an so einem herrlichen Sonnentag nur etwas über 2000 Zuschauer in den Alfred-Kunze-Sportpark kommen. Da fragt man sich verzweifelt, wo die sogenannten Schönwetter-Fans blieben; es war doch schönes Wetter?! (Zumindest während des Spiels, danach regnete es wieder).

Glück haben wir nicht nur mit dem Wetter, sondern auch bei den Voraussetzungen: Mit Daniel Becker, dem Ex-Lok-Leipzig-Spieler, fehlt der Tor-gefährlichste der Lucken vom Walde, weil er mit einem Infekt bei den VIP-Zuschauern platznehmen muss. Kleine Stichelei gegen die Gärtner vom Südfriedhof: Der Becks steigt lieber mit Luckenwalde ab, als für euch zu spielen. Kompliment dafür. Denkt da mal drüber nach. Ohne „Becks“, wie ihn die Ortsrivalen nennen, bringen es die Gäste nur selten zu Toren. Doch selbst mit ihm kassieren sie fleißig welche. Wann wollen wir uns aus der eigenen, Zweifels-wenig vorhandenen Krise ballern, wenn nicht heute? In – sozusagen - letzter Minute (am Vortag wohl), erhält unser neuer Top-Mann für das offensive Mittelfeld, Rintaro Yajima, von der Ausländerbehörde seine Spielzulassung. Glück gehabt also auch damit.  

Heute kein Martin; und Sven steht bei anderen Kumpels; dafür ist Jens aus der Nähe von Torgau mit seiner Harley angereist. Nein, das war nicht seine Tochter, dass ist die Hannah. Doch seine Schalmei hat er wieder dabei. Zusammen beziehen wir Position auf dem Norddamm und begleiten im Unisono die Offensiv-Aktionen unserer Elf. Andere Tuten höre ich diesmal nicht; ich hoffe, meine Kritik hat die anderen nicht entmutigt. Und wir sehen und betuten schallend wie im Mai die wohl beste erste, wenn auch Tor-los bleibende, Halbzeit unseres Teams in dieser Saison. Entgegen meinen Befürchtungen hat unserer Trainer Dietmar Demuth die Offensive wohl zu Aktionen ermutigt, und wir legen gleich richtig los. Das alte Problem: Wir vollstrecken nicht, schießen lieber direkt auf den Torwart, oder ans Tor-Holz. Oder einfach vorbei, aus Tod-sicherer Position. Wieder und wieder und wieder. Und sind wir mal kurz und klar vor dem Einnetzen, wird abgepfiffen. Abseits sei es, so das Team der Geschwärzten. Halbzeit. 

Aus der Pause kommt unsere Mannschaft prompt, heiß und mit Biss. Wenn die Offensive irgendwann auf unseren Samurai Yajima-Rintaro-san feinjustiert ist, könnte es richtig kreativ werden bei uns. Gestern lief noch fast alles ins Leere, was von ihm in die Gassen gepasst wurde. Kein Wunder, bei dreimal Feierabend-Training in der Woche. Trotzdem macht das einfach Spaß und gibt Hoffnung, wie der kleine Japaner im Mittelfeld agiert. Jetzt wollen wir es aber wissen! Und folgerichtig versenkt erneut unser Defensivspieler Manuel Wajer einen knallharten Schuss im Netz des ansonsten, - Ehre, wem Ehre gebührt, - dem unseren in nichts nachstehenden Torhüter der Gäste, Petereit. Auch dieser Schuss zum Führungstor ging wieder genau auf den Hüter, nur mit so  einer Gewalt, dass für den nichts zu machen war, weil er nach hinten fiel. Wenig später, in der 58. Minute, reicht den Gästen deren erste, lumpige Halbchance mit einem Fernschuss nach einer ausnahmsweise nicht ganz glücklichen Abwehr unseres super Torwarts Julien Lattendresse-Levesque (sprich: Jülian La Tandré Le Wéh ;-)) zum Ausgleich.
chemie luckenwalde2Es ist zum Verzweifeln in dieser Saison, die Mannschaft scheint sich einfach nicht belohnen zu können. Wieder sind unsere Spieler geschockt, sie beginnen zu zweifeln, fallen in ein Loch, wie der Trainer in der Pressekonferenz schon richtig ausgemacht hat, und lassen nun spürbar nach. Lassen es zu, dass der Gegner zu mehr und mehr Spielanteilen kommt und verlieren die eigene Wucht in den Angriffen. Auch zerstört das Team der sogenannten Unparteiischen unseren flow dadurch, dass er (aus meiner Sicht) ein jedes Hinfallen eines Luckenwalders (besonders unrühmlich wäre da deren Nummer 13 zu nennen) als vermeintliches Foul unsererseits ebenso abpfeift, wie einen Großteil unserer Sturmläufe. Es wirkt schon, gelinde gesagt, sehr eigen, wie Herr Lossius seine Entscheidungen trifft. Klar hört er von uns keine Kompliment dafür, sondern nichts als die Wahrheit, so, wie wir sie empfinden. Aber, wie das ja dann fast immer vorhersehbar ist: Je mehr wir seine Spielleitung lautstark kritisieren, desto eindeutiger gegen uns scheint sein pfeifendes Agieren. Zumindest nimmt er Abstand vom Elfmeterpfiff, als wieder einmal einer der Luckenwalder nach einem kleinen Klaps von einem unserer Abwehrspieler theatralisch im Strafraum fällt. Das wäre es noch gewesen!

Sorgen macht mir auch unser zwar engagierter, aber auffällig glückloser Stürmer Thommy Kind. Klar ist er ein Kampfschwein, rennt die Linie auf und ab, wirft sich rein. Nur der eigentliche Job eines Stürmers, den übt er im längeren Moment nicht aus. Gegen Ende der regulären Spielzeit kommt Luckenwalde noch einmal mit zwei Chancen zum Zuge. Nun glaube ich beinah, dass es wieder wird, wie zuletzt immer: Der Gegner bringt uns den knock-out. Aber sie schaffen es nicht, Julien, der Latten-Dreher, hält und wirft dann superschnell ab. Daraus entwickelt sich ein Angriff, auf den ein Eckball für uns folgt, aber dieser wird abgewehrt, und es gibt erneut Eckball. Es wundert mich immer noch, dass der Schiedsrichter nicht abpfeift; so, wie er sich bislang hier gegen uns präsentierte. Doch nein, der Ball kommt herein, findet Phillipp Wendt, der zieht ab, und der Ball fliegt am vergeblich entgegen gestreckten Bein eines der Luckenwalder Abwehrspielers ins Netz. Buchstäblich in letzter Sekunde, wie im Märchen. Toooooor! Und wieder bebt der Norddamm. Wiederanpfiff, Abpfiff! Freude ohne Ende auf den chemischen Rängen! Das war ein Krimi mit happy-end pur in der zweiten Minute der Nachspielzeit! Dementsprechend gibt es alle Rituale, vom heißer gebrüllten „Chemie-Fans, seid ihr alle da?“ bis zum Isländischen-Huh-Klatsch ohne Huh! 2000 Zuschauer heute nur, aber 2000 mit Herz, Leib und Seele. Wir sind eins mit den Jungs. Wir sind Chemie. Niemand wie wir! Ende der Vorstellung.

Nein, Nachschlag: Jens und ich fahren noch mit den Rädern zum Rundgang in die Spinnerei. Heute sind die Ateliers der Künstler für alle offen, und das man da hingeht, ist absoluter Kult in Leipzig. Ich gehe da auch gleichzeitig in ein Museum, in ein Museum aus Menschen meines Lebens. Man läuft stumm aneinander vorbei, und alle erinnern sich für sich, oder auch nicht. Großartig. Jedenfalls haben wir ja jeder noch unsere Schalmei dabei. Fragt uns doch so ein Typ, ob wir vom Spielmannszug wären. Für eine Sekunde überlege ich, ob ich das jetzt persönlich nehmen sollte. Aber ich erkläre es ihm auf meine Art:  Spielmannszug?! Es ist sogar noch viel schlimmer, entgegne ich ihm: Wir sind Chemie-Leipzig-Fans! Chemie, Chemie, nur noch Chemie! Chemie, Chemie, nur noch Chemie!

Bild und Wort Copyright by Fritz Rainer Polter

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Chemie Leipzig BSG 02.09.2017 versus Schalke Benefiz (61) mail Schalke UltrasChemie Leipzig vs. Schalke 04 U 23 (02.09.2017, 15.30 Uhr, 2:4)


Seit Wochen haben wir uns darauf gefreut, auf das erste von vier Benefiz-Spielen für die vier dringend benötigten Flutlichtmasten, und nun ist es soweit: Die U23 von Schalke 04 erweist sich und uns die Freude und Ehre, in das Leutzscher Holz zu reisen. Mitgekommen sind zirka 900 Gelsenkirchner Fans, und die sind wahrhaft das beste, was dem AKS seit den Eintracht-Fans passiert ist. Die sind einfach unglaublich, genau wie wir: Die singen, springen, schwenken die Fahnen und fahren eine zündende Choreo ab, dass es einem weiß und blau um Augen, Nase und Ohren wird. Heute sind sie sogar intensiver als wir: Die gönnen sich gar keine Pause, auch nicht in der Pause. Fotos: Martin Koll (All Rights reserved)

 



Als ich das Stadion mit Martin betrete, bin ich erst einmal  ziemlich enttäuscht: Es wirkt leer im AKS. Die Lücken vor allem auf dem oberen Norddamm sind nicht zu übersehen, und das Martin und ich sich heute für meine Lieblingsposition unterhalb der Tribüne entschieden haben, ist ganz bestimmt nicht der Grund dafür. Okay, es sind nur die Amateure von Schalke aus der Oberliga, aber es ist Schalke, und Gerald Asamoah sitzt auf der Bank. Da hätte ich mir schon das doppelte an Fans gewünscht, vor allem hoffte ich auf zahlreiche Schalke-Fans aus ganz Sachsen. Selbst wenn die Ortsrivalen wie Anno 1984 gegen Union Berlin einen eigenen Block an der Sachsenstube gebildet hätten, wäre mir das recht gewesen. Die dürfen einmal Schalke 2 sehen, und wir bekommen deren Knete für die Flut an Licht. So aber wirkt das Stadion halb leer, und auch die Chemie-Fans sind lange nicht so zahlreich erschienen, wie von mir erhofft. Und sie sind noch mit blauen Farben durchsetzt, denn viele zeigen heute offen ihre Sympathie für S 04. Mir ist Schalke relativ egal. Ich denke an meinen Neffen Bodo, der von Kindheit an ein Schalke-Fan war, und der nun schon lange in Österreich lebt. Wir haben uns vor 25 Jahren zum letzten Mal gesehen, waren aber die besten Kindheits-Freunde. Das wäre doch toll, wenn er heute hier sein könnte. Stattdessen erfahre ich einige Tage später, dass er in der Woche dieses Spieles mit 54 Jahren verstorben ist.

PChemie Leipzig BSG 02.09.2017 versus Schalke Benefiz (45) Asamoah Bankünktlich zum Anpfiff kracht eine Sintflut aus halbgefrorenem Hagel und Starkregen auf uns, dass der Fußballgott erbarm. Als ob wir nicht schon von selber wüssten, dass wir keine Schönwetterfans sind. Ich suche mit Martin ein wenig Schutz unterhalb der Tribüne, wir kriechen ein wenig unter den Schutz eines unser großen Spruchbänder. Chemie birgt und beschützt dich stets und immer, come flood or high water. Diesmal dient mir die Holzkonstruktion unserer Tribüne als Schallverstärkung meiner Tute, die, wie in alten Zeiten, unsere Offensivaktionen auch heute begleitet. Ich höre andere, die praktisch intonieren, auch wenn der Gegner gerade ein Tor geschossen hat – so was hätte es früher nicht gegeben. Denen muss ich mal eine Unterrichtsstunde erteilen, wann und wie man in das Martinshorn zu blasen hat. Unglaublich. Kurz vor dem Wiederanpfiff bitten mich, als ich gerade des Rück-Weges von der „Toilette“ kam, ältere Herrschaften, die ungefähr dort st
anden, wo zumeist der Fanclub West sich postiert, doch mal in mein Horn zu tuten, auf, dass sie das alte DDR-Oberliga-Gefühl wiederbekämen. Und zwar bezweifelten sie (psychologisch raffiniert) zunächst die Klangkraft meiner Tute in der Absicht, dass ich ihnen schon lautstark zu Gehör bringen würde, dass dem nicht so sei. Genau zum Anpfiff stelle ich die Erfüllung dieses, ihres Begehren her – gerne doch. Dafür habe ich Ding mit, das leider schon ein wenig zerbeulte.

Drei Tage zuvor wurde ich gnadenlos beim Testspiel gegen die Kickers Markkleeberg  von Mücken zerstochen. Wir gewannen 0:5, und nicht unwesentlich daran beteiligt war der Japaner Rintaro Yajima, der auch ein Tor geschossen hatte. Dieses sollte er heute gegen Schalke wiederholen, und überhaupt liefen so gut wie alle Offensivaktionen über ihn und über Manuel Wajer, der überraschend im Mittelfeld agierte. Der heute, gegen Schalke, gar nicht präsente Chemie-Trainer Dietmar Demuth testete einige Varianten aus, der der doch etwas blockierten Offensive mehr Schwung verleihen sollten, was aus meiner Sicht leider nur in Bezug auf den Japaner gelang, welcher dann auch postwendend von Chemie unter Vertrag genommen wurde. Das war schier unglaublich, welchen Schwung und welche Kreativität Rintaro-San in das grün/weiße Spiel zu integrieren vermochte. Nach dem Abpfiff redete ich beschwörend auf Jens Fuge ein, wie super und wichtig der Yajima für uns sein könnte, und ob er schon etwas Kopf-Nägeliges, jenen betreffendes, wüsste? Wusste er nicht.

Bei aller Liebe zu Chemie, aber damit ist nun leider auch Schluss mit dem Positiven von der Mannschaft. Wir haben wieder verloren,- natürlich, möchte man fast schon sagen. Eine Ost-Mannschaft aus der Regionalliga verliert glasklar gegen einen Oberligisten aus dem Ruhrgebiet, auch diese Tatsache ärgert mich, als Chemie-Fan, und Ossi. Chemie baut sich keine Zuversicht und keine Sicherheit auf, Chemie spielt nicht frei und ungebremst auf, Chemie spielt mit angezogener Handbremse und fällt vor allem 10 Minuten nach dem Wiederanpfiff in den, beinah möchte ich sagen: obligatorischen Tiefschlaf. Genau wie Fürstenwalde nutzt Schalke dies eiskalt, auch wenn Yajima noch einmal den Anschlusstreffer zu erzielen vermochte. 2:4 lautet das frustrierende Endergebnis. Natürlich feiern wir uns, danken der Mannschaft, danken Schalke und deren fantastischen Fans. Unsere Spieler gingen sogar zuerst zum Gästeblock. Dann beschwören wir alle guten Geister mit unserer Variante des isländischen „ Huh!“, bei welchem wir nichts intonieren, sondern nur die Intervalle unseres Klatschens steigern, zusammen mit der Mannschaft, die sich vor dem Norddamm aufstellt. Trotzig schreien wir unser „Chemie! Chemie! – Nur noch Chemie!“ zweimal in den Leutzscher Himmel. Ich schreie so laut und voller Wut und Trotz, dass eine Frau neben mir zusammenzuckt und sich erschrickt. So muss es sein.

Martin und ich sind uns einig: Unser kleiner Lichtblick ist Rintaro Yajima. Als sich die Mannschaft dann auch bei der Tribüne und beim Dammsitz bedankt, schreien wir ihm, zur Verwunderung der um uns Stehenden, unser „Domo Arigato, Rintaro-San!“, aus der näheren Distanz zu. Rintaro spürt und hört tatsächlich irgend so etwas, und ich realisiere seine Verwunderung, dass er hier schon so angekommen ist. Oder sollte dies wohl ebenfalls eine Art Zusammenzucken seinerseits gewesen sein, so wie bei der Dame vorhin?  Zum Abschluss unterhalten Martin und ich uns noch mit Martins Diablo-Kumpel, der gleichfalls Martin heißt, und dazu gesellt sich noch mein Chemie-Kumpel-Jens, jener der vielen mir bekannten Träger des Namens Jens, welcher die Spiele zumeist aus dem Familienblock heraus verfolgt. Von dort hat er mich dann wohl auch erspäht, als ich mich unter die Diablos gesellte.  Nächste Woche geht es auswärts, gegen Auerbach, weiter mit der Mission Klassenerhalt. Habe ich weiter und  wieder Hoffnung? Klar, aber immer. Auf geht’s, Chemie, kämpfen und siegen!“

5. Saisonspiel Chemie Leipzig vs. Union Fürstenwalde (26.08.2017, 13.30 Uhr, 1:2) 
Platz 16 (von 18) mit drei Punkten

Die beiden Punktspiele gegen Bautzen und Fürstenwalde haben wir verloren. Unglücklich, wurde kolportiert. Gegen Fürstenwalde kann man das aus meiner Sicht nicht behaupten, deren Sieg war schon hoch verdient. Ist dies wirklich nur dem schnelleren Tempo geschuldet, wie einige Journalisten meinen? ich denke eher, es ist die Tatsache, dass man in dieser Spielklasse als Amateur- und Feierabendverein gegen die Mehrzahl aus Ganztags-Profis nicht einen Moment nachlassen darf. Genau das machen wir aber immer wieder, gern auch besonders dann, wenn wir geraden gute Offensivaktionen hatten, welche aber nicht zum Torerfolg führten, weil zu unserem Latenkracher-Pech auch noch der einfacher Selbstaustrickser kam. 

Chemie Leipzig BSG 02.09.2017 versus Schalke Benefiz (28) mail Rainer mit der Reichsbahnsignalhupe aus den 60ern


Immerhin ist Jens aus Torgau angereist, zusammen mit seiner klugen und attraktiven Tochter Hannah. Jens hat ein altes Reichsbahn-Signalhorn im Internet erworben, mit dem er mich nun überrascht. Für ein Spott-Geld, allerdings war es Reparatur-bedürftig. So baute er das goldene Mundstück einer Trompete ein, reinigte und polierte das ganze Ding auf Hochglanz. Sollte ich ihm nachmachen, dass Ding mit der Reinigung und der Politur. Ob es wohl das alte „Elsterglanz“ der DDR noch irgendwo zu erwerben gibt?  So tuten wir nun im Unisono, überlegen uns eine Start- und-jump-on-Choreo der Klänge. Immerhin gehen wir durch einen Treffer von Daniel Heinze (Mittelfeld) in der 31. Minute zunächst in Führung.

Sven und Martin stehen ein wenig abseits. Nach der Pause geselle ich mich (der ausgleichenden Gerechtigkeit wegen) zu ihnen. Auf dem Platz gibt es jedoch keine ausgleichende Gerechtigkeit, sondern die Gladrow-Show. Der Spieler der Fürstenwaldener erzielte innerhalb weniger Minuten zwei einfache Tore.

Zum ersten Mal herrscht auf den Rängen teils wieder eine schlechte Stimmung, sie reicht von meinem bedienten Schweigen bis zur offenen Wut einiger, die vergessen, dass wir Amateure sind. Selbst die Treuesten der Treuesten, unsere Ulras und Diablos, lassen immer wieder einmal die Köpfe hängen, berappeln sich aber stets wieder. Wann und gegen wen wollen wir denn überhaupt noch gewinnen, denkt es in mir. Zweifel auch am Trainer Demuth. Dessen Kommentare zu Ergebnissen und Leistungen, für die er immerhin hauptverantwortlich ist, stoßen mir auch sauer auf.

Am Ende hört man dann beim Verlassen des Stadions den üblichen Unsinn, dass selbst Bernd Bauchspieß (versehen mit einer Sauerstoffzufuhr) die Sache besser machen würde, als unsere aktuellen Jungs. Dezent weise ich darauf hin, dass unsere Mannschaft Anfang der 70er Jahre abgestiegen ist – und zwar mit einem Dr. Bauchspieß, der da noch relativ tauglich war. Klar verstehe ich den Ärger, ich empfinde ihn ja selbst. Aber wie sagte Alfred Kunze? Was gesprochen wird, sei ausschließlich Ermutigung für die Kameraden. Dies sollte auch nach dem Spiel gelten, und zwar für uns alle.

Immerhin sollte man das Positive sehen: Wir haben jetzt nun auch bei den Heimspielen manchmal um die 3000 Zuschauer, wie der „geschätzte“ Ortsrivale (nein, nicht RB); welcher glaubte, uns enteilt zu sein. Wähnte, die Nummer 2 in Leipzig zu sein. Das sind sie nicht! Wir, Chemie, sind wieder ran. Leider nicht in der Tabelle, aber wir werden noch Spiele gewinnen, und die Gärtner vom Südfriedhof werden noch Spiele verlieren.


Fritz Rainer Polter

Fotos: Martin Koll (All Rights reserved)

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