Klare Kante: Ein Tag im Januar vor 30 Jahren. Und sein Vermächtnis

von Fred Kowasch

Manche Sachen scheinen sehr weit weg und sind doch wieder ganz nah. 30 Jahre ist es in diesen Tagen her, dieses Bild aus der Innenstadt von Leipzig. Es war der 15. Januar 1989, kurz nach 16 Uhr. Zusammen mit mehreren Hundert Menschen demonstrierten wir dort. 500 mögen es wohl gewesen sein. Es ging um Versammlungsfreiheit, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit. Und ja: es ging um die Demokratisierung der DDR. Die Demonstration war - natürlich - nicht angemeldet. Wie auch. Denn die DDR-Diktatoren hätten sie niemals genehmigt. Den Organisatoren - zu denen zahlreiche meiner Freunde und ich zählten - drohten mehrere Jahre Haft. Uns war es egal. Es war einfach an der Zeit, es diesen Machthabern einmal deutlich und offen zu zeigen. Im besten Sinn des Wortes 'Blank zu ziehen'. Die Straße auch sprichwörtlich zu erobern. 15 1 1989 3

Trotz der vorläufigen Festnahmen - kurz nachdem dieses Bild aufgenommen wurde - der Inhaftierung einen Tag später, ging die Sache gut aus. Neun Monate später folgten Hunderttausende unserem Beispiel.

Mittlerweile gelten die Ereignisse rund um den 15. Januar 1989 in Leipzig als die 'Geburtsstunde der Revolution'. So viele Revolutionen hat es in der deutschen Geschichte bekanntlich bisher nicht gegeben.

Und heute?! Sind viele, die dass damals initierten, untereinander gram, verstritten. Weil sich die einen für Parteiveranstaltungen öffentlichkeitswirksam einspannen lassen, andere die AfD wählen.

Ich wähle schon lange nichts mehr. Weil ich diese Parteien verachte, deren Vertreter sich - meiner Meinung nach - nur bedienen wollen. Denen 'Volkes Wille' so gut wie egal ist, die keine wirklichen Probleme inhaltlich anpacken. 

Wenn es - für mich - überhaupt ein Vermächtnis dieses Tages vor 30 Jahren gibt: artikuliert euch, mischt euch ein, besetzt die öffentlichen Räume. Zur Not auch ohne Anmeldung bei den deutschen Ordnungsbehörden. Wie es gehen kann, zeigten jüngst die Gelbwesten in Frankreich. Oder die Protestierenden vom Hambacher Forst. Warum sich distanzieren, wenn es nichts zu distanzieren gibt.

Eine andere Welt ist möglich. Dieses verkrustete und korrupte Staatssystem kann nicht die Zukunft sein.

G-20: "Steine!"- Hinter den Wasserwerfern an den Landungsbrücken

von Fred Kowasch, Hamburg

"Alles ganz?! "Gesund geblieben?". "Überlebt?". Die Reaktionen nach so einem Hamburg-Ausflug sind vielfältig. Dabei wollte ich eigentlich nur am Hafen ein Fischbrötchen essen. Und ein paar Aufnahmen machen. Solche Riots laufen - im Prinzip - nach den gleichen Mustern ab. Und: hinter den Frontlinien ist es oftmals sehr ruhig. Da trifft man einen Anwohner, der mal schnell mit seinem Roller vorbei gekommen ist. Selbstverständlich filmt er auch. Mit dem Handy. Der Koch und der Kellner einer nahe gelegenen Pizzaria machen gerade Pause. Ihre Smartphones nicht. Hin und wieder fliegen von vorn ein paar Steine durch die Luft, prallen ab auf dem Asphalt. Im Gegenlicht sind sie gut erkennbar. "Ich würde hier nicht ohne Helm stehen." Jaja. 


Dann geht es voran. Die Wasserwerfer spritzen. Der Räumpanzer rollt - im Abstand von Hundert Metern - hinterher. Mittlerweile habe ich die Fußgängerüberführung erklommen. Da fragt mich ein TV-Reporter: "Wo sind wir eigentlich, hier?" Muß ein Profi sein. Der anschließend bei N24 auf Sendung geht. Unten explodiert ein Böller. Ein Polizist bricht zusammen. Die Menge johlt. Abseits liegen ein paar Beamte erschöpft am Boden. Ein Kollege hat sein Bild des Tages gemacht. Mit dem Teleobjektiv. Es wird später auf stern.de erscheinen. Ich schaue kurz, was ich gedreht habe, gehe zum Imbiss an die Landungsbrücken. "Ein Matjes-Brötchen bitte". "Drei Fünfzig". Hungrig beiße ich hinein. Der Tag ist ja noch nicht zu Ende.

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