Travel: Sarayaku - Ein Indio-Dorf am Amazonas wehrt sich

Das Indio-Dorf Sarayaku kämpft erfolgreich gegen Ölfirmen, die auf ihrem Land im Dschungel Ecuadors nach Öl bohren wollen. Dabei haben sie etwas Erstaunliches vollbracht: eine gesunde Balance zwischen ihren Traditionen und dem westlichen Leben gefunden.

Von Philipp Lichterbeck, Sarayaku

Heriberto Gualinga zeigt auf den weitgespannten Amazonashimmel. „Wir sind Millionäre“, sagt er. Der Indio schaut zu den Kindern, die mit Speeren zum Fluss laufen, um zu fischen und schon wenig später mit gefüllten Netzen wiederkommen. Auf die Bananen- und Maniokstauden. Er blickt zu den Jugendlichen, die auf Bäume klettern und Früchte für ihre Freunde herunterwerfen.
Rio Bobonaza, Sarayaku, Foto P. Lichterbeck (1)Doch die Idylle trügt in Sarayaku, einem Dorf im Amazonaswald Ecuadors, das von Indios vom Volk der Kwicha bewohnt wird. Der Dorfrat sitzt zusammen. Die Männer und Frauen haben Berichte erhalten, dass die italienische Agip und andere Ölfirmen die Gemeindegrenzen verletzen. Aus vier benachbarten Ölbohrgebieten würden sie nach Sarayaku vordringen. „Es geht wieder los“, sagt Heriberto Gualinga. „Wir sind eingekreist.“

Sarayaku hat es zu internationaler Berühmtheit gebracht. Als Vorbild im Kampf eines indigenen Volkes um Selbstbestimmung. Im Jahr 2002 hatte Sarayaku die Regierung Ecuadors vor dem Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte verklagt. Sie hatte einer Erdölfirma die Lizenz erteilt, auf dem Gemeindeland Sarayakus nach Öl zu bohren. Sarayaku legte Einspruch ein. Nach fast zehn Jahren Prozess gaben die Richter den Dorfbewohnern, die mit Federschmuck im Gerichtssaal saßen, recht. Sie verurteilten den Staat zur Zahlung von 1,3 Millionen Dollar Schadenersatz an Sarayaku. Ein Sieg – vorläufig.
Indiojunge beim Fischen, Sarayaku, EcuadorMit 135 000 Hektar hat das Dorf eine Menge Land zu verteidigen – anderthalb mal die Fläche Berlins, das meiste unberührter Dschungel. Während bei den meisten indigenen Völkern der Zusammenhalt zerbricht, sobald „der weiße Mann“ mit seinem Geld, seinem Alkohol und seinen Vergnügungen auftaucht, ist Sarayaku durch den Konflikt ums Öl erst stark geworden. Und so ist die Geschichte von Sarayaku auch eine darüber, wie es einem Indio-Dorf gelingen kann, seine Traditionen beizubehalten – und dennoch in der westlichen Welt zu bestehen.

Eine Straße nach Sarayaku gibt es nicht. Nur einen Fluss, den Rio Bobonaza. Fünf bis sieben Stunden dauert die Fahrt im motorisierten Einbaum aus dem Dschungel heraus. Je nach Wasserstand.
Rio Bobonaza, Sarayaku, Foto P. Lichterbeck (2)
Daran, dass Sarayaku immer noch so unberührt ist, hat Heriberto Gualinga großen Anteil. Der 37-Jährige trägt seine langen dichten Haare zum Pferdeschwanz zusammengebunden, kleidet sich in Jeans und T-Shirt. Er hat einen leichten Bauchansatz, über den er sagt: „zu viel Affenfleisch“. Am Tag zuvor hatte sich Gualinga nahe der Provinzstadt Puyo in Jeans und T-Shirt in seinen Einbaum geschwungen und war Richtung Sarayaku aufgebrochen. Als sich auf den letzten Kilometern die Dunkelheit wie eine schwarze Decke über den Rio Bobonaza senkte, schaltete Gualinga den Motor ab. Er begann, nach Gehör zu steuern. Er lauschte auf Stromschnellen, versuchte Felsen auszumachen, senkte einen langen Holzstock tastend in die Tiefe. Bis er fragte: „Hat einer ein i-Phone dabei? Die haben gute Taschenlampen.“
Heriberto Gualinga, Foto P. Lichterbeck (4)Einbaum und iPhone! Heriberto Gualinga muss darüber lachen, als er in seiner nach allen Seiten hin offenen Rundhütte sitzt. Über einer Feuerstelle räuchern Fische, die ihm ein Nachbarn mitgebracht hat. Dessen Fang fiel zu üppig für den Eigenbedarf aus. „Ich werde mich revanchieren“, sagt Gualinga. „Mit einem Kaiman.“ In einem Wassertank hält Gualinga fünf Kaimane. Er will einen Teich anlegen, um die kleinen Krokodile zu züchten.

Doch Gualinga steuert nicht nur Einbäume und züchtet Kaimane – er ist auch Filmemacher. Seine Dokumentationen sind auf Festivals rund um die Welt zu sehen, er hat einen Preis gewonnen und spricht an US-Universitäten über „Indigene Kommunikation“. In seiner Rundhütte hantiert Gualinga gerade mit einer GoPro-Kamera, er will seinen Vater filmen. Die Kamera, sagt er, sei ein lebendiges Gedächtnis.

Vermutlich kann also niemand besser erklären, warum Sarayaku am Kapitalismus nicht zerbrochen ist. Wie die Kwicha es geschafft haben, ihre Traditionen mit der westlichen Lebensweise in ein gesundes Gleichgewicht zu bringen. Gualinga sagt: „Wir nutzen eure Techniken für unsere Zwecke, aber wir werden nicht zu ihren Sklaven.“ Es ist ein ziemlich kluger Gedanke.
Töpferin, Sarayaku, EcuadorGualingas Kamera hat den Ecuadorianern die Bedrohung Sarayakus vor Augen geführt. Seine Bilder machten das Dorf auf der ganzen Welt bekannt. „Die Nachkommen des Jaguars“ heißt eine bewegende Dokumentation von ihm über den Gerichtsprozess, die bei YouTube zu sehen ist. „Wenn wir unseren Kampf nicht öffentlich gemacht hätten, wären wir chancenlos gewesen.“


Gualinga geht in seine Hütte, um ein Mikrofon zu suchen. Auf dem Esstisch herrscht heilloses Durcheinander. Die schillernden Federn von Papageien liegen da neben einer CD, Holzketten, Kameraobjektiven. Eine Flasche Rotwein steht neben „Bekenntnisse eines Economic Hit Man“, der Wirtschaftsthriller über die Ausbeutung Lateinamerikas von John Perkins. Gualinga zwinkert. „Das mit dem Wein bleibt unter uns.“ Die Frauen haben den Alkohol schon vor einigen Jahren aus Sarayaku verbannt. Prohibition im Dschungel.
Tisch im Haus von Heriberto Gualinga, Sarayaku, Ecuador
Sabino Gualinga, der Vater des Filmemachers, ist der Dorfälteste von Sarayaku. Der 93-Jährige kommt über die Brücke geschlurft, die über den Rio Bobonaza führt. Er lässt sich einen langen weißen Bart stehen, trägt Gummistiefel gegen die häufigen Schlangenbisse. In der Rundhütte hockt er sich auf einen ausrangierten Einbaum. Sabino Gualinga ist Schamane und gleichzeitig katholischer Katechist von Sarayaku. Das ist kein Widerspruch. „Er zeigt uns, wie man mit der Natur kommuniziert", sagt Heriberto Gualinga. „Und dass wir spirituelle Wesen sind.“

Zur katholischen Kirche haben die Einwohner von Sarayaku eine gute Beziehung, weil sie den Kampf der Kwichas gegen die Ökonzerne unterstützt. Das Kirchliche Netzwerk Amazoniens, Repam genannt, hält mittlerweile sogar Workshops für indigene Gemeinden ab. Thema: Wie machen wir es den Mutigen aus Sarayaku nach?

Gualinga fragt: zweites Frühstück? Aus einem Tonkrug schöpft er ein sämige weiße Flüssigkeit. Die Schale gibt er seinem Vater, der daraus nippt. „Ohne unsere Chicha wären wir nicht, wer wir sind“, brummt der Schamane. „Sie schafft Gemeinschaft.“

Chicha, eins der ältesten Getränke Südamerikas, wird aus Maniokwurzeln hergestellt, die von den Frauen zerstampft, zerkaut und ausgespuckt werden. Die Masse wird in einen Tonkrug gegeben, den man mit Wasser auffüllt und Bananenblättern verschließt. Die Flüssigkeit beginnt zu fermentieren, hat meist einen geringen Alkoholgrad von ein bis drei Prozent. Bei den Gualingas ist die Chicha erfrischend kühl und leicht säuerlich. Sarayaku, Foto P. Lichterbeck (6)Nach der dritten Runde Chicha beginnt Gualinga junior zu erzählen. Es ist die Geschichte Sarayakus, seiner Vergangenheit und seiner Zukunft. Es ist eine brutale Geschichte. Sie handelt von einem Krieg, der längst nicht gewonnen ist.

Es war im Jahr 2002, als eines Tages die Arbeiter des argentinischen Ölkonzerns CGC mit Hubschraubern am Ufer des Rio Bobonaza abgesetzt wurden. Darunter waren auch Angehörige anderer indigener Gruppen. Die Regierung hatte der CGC die Konzession zur Ausbeutung der Ölfelder unter Sarayaku erteilt. „Wir haben sie umringt, ihnen gesagt, dass sie nicht willkommen sind. Dass dies unser Land ist.“ 

Daraufhin überfielen Schlägertrupps Sarayaku. In den ecuadorianischen Medien wurde das Dorf als rückständig und hinterhältig bezeichneit, schließlich bringe das Öl Entwicklung, Arbeitsplätze, Wohlstand. Doch Gualinga und die anderen kannten den Fall Lago Agrio. 400 Kilometer nördlich von Sarayaku hatte Texaco fast 30 Jahre lang Öl gefördert. Als der Konzern 1992 abzog waren Boden und Gewässer verseucht, die Krebsrate ist bis heute enorm. 2011 verurteilte ein ecuadorianisches Gericht die Texaco-Mutter Chevron zu einer Rekord-Entschädigung von 9,5 Milliarden Dollar. Aber Chevron weigert sich bis heute, die Summe zu begleichen und schiebt die Schuld für die Verseuchung auf die ecuadorianische Firma, die ihr nachfolgte.
„Wir waren also gewarnt“, sagt Gualinga. „Die Information war vielleicht unsere stärkste Waffe.“

Nun sollte der Fortschritt den Kwichas mit Gewalt gebracht werden. Sie erhielten Morddrohungen, man brannte ihr Land nieder, wollte sie mit Geld gegeneinander ausspielen. Einmal versuchten Ölarbeiter, einige Indio-Mädchen zu vergewaltigen, die sie im Wald überrascht hatten.
Sarayaku, Foto P. Lichterbeck (5)Heriberto Gualinga und die anderen gingen fortan mit Macheten auf Patrouille, stellten Wachposten auf. Sie setzten Eindringlinge fest, die Dynamitstangen vergruben, um seismische Sprengungen durchzuführen, die zur Lokalisierung der Ölfelder nötig sind. Als die Regierung schwer bewaffnete Soldaten schickte, um die Ölarbeiter zu schützen, griff Heriberto Gualinga zur Kamera. Der Film, den er drehte und an der katholischen Universität von Quito zeigte, brachte viele Ecuadorianer auf die Seite der Kwichas. „Wir begriffen, welche Macht die Medien haben“, sagt er.

Sarayaku begann, das Spiel zu perfektionieren. Als der Interamerikanische Gerichtshof dem Dorf schließlich Recht gab, hatte es Unterstützer auf der ganzen Welt. Der Konflikt war mit der Zahlung der 1,3 Millionen Dollar Schadensersatz beigelegt – vorläufig. Ein neues Kapitel in der Geschichte Sarayakus begann.

Denn was machen 1500 Indios mit solch einer Summe? „Eine Bank gründen“, lautete Rolando Santis Antwort. Er ist Manager bei der Solidarbank Sarayaku, dem ersten indigenen Geldinstitut Ecuadors. Untergebracht ist sie in einer unscheinbaren Hütte auf Stelzen am Dorfplatz. Rolando Santi sitzt darin vor einem Laptop ohne Internetverbindung. „Maximaler Kredit 500 Dollar“, sagt er, „Zinssatz ein Prozent. Viele Kunden legen Fischteiche; einige brauchen Geld, um die Rechnungen für die Behandlung von Schlangenbissen zu zahlen.

Sarayaku Airline 2Santi, in Jeans und Polohemd, geht in einen Nebenraum. Dort steht der Safe mit 80 000 Dollar. Angst vor Überfällen habe er keine. Erstens gebe es in Sarayaku keine Diebe. Und zweitens: Wohin sollten die fliehen?

300 000 Dollar flossen 2009 in den Aufbau der Solidarbank, deren Ziel die nachhaltige Entwicklung Sarayakus ist. Die Idee mit der Bank sei von den Frauen gekommen, erinnert sich Santi. Auch er findet, dass in seinem Institut das Geld besser aufgehoben als in privaten Händen. Zu viel Geld in Privatbesitz sei gefährlich. Es verändere die Beziehung unter den Menschen. Wahrscheinlich ist Rolando Santi der einzige Banker der Welt, der dem Geld misstraut.

Mit weiteren 600 000 Dollar kauften sich die Kwichas zwei Flugzeuge, Propellermaschinen Marke Cessna. Sie gründeten Air Sarayaku, die erste Indio-Airline der Welt. 400 Dschungeldörfer fliegt sie an. Und wie bei der Bank herrscht auch hier das Solidaritätsprinzip. Die meisten Passagiere sind Opfer von Schlangenbissen, die rasch ins Krankenhaus müssen.

Heriberto Gualinga steht am Dorfplatz, schaut auf das Alltagstreiben. Der Fußballtrainer, den er an der Pazifikküste angeheuert hat, um das Lokalteam auf Vordermann zu bringen, pfeift zum Trainingsbeginn. In einer Hütte wird Kampfsport praktiziert. „15 Liegestütze“, befiehlt der Meister einem Jungen, der aus dem Rhythmus der Schlagfolge geraten ist.

Sarayaku, Foto P. Lichterbeck (7)Ein paar Jungs laufen zur Hütte mit dem Wifi-Zugang. Der Internetzugang ist auf eine Stunde pro Person begrenzt. Am Fluss tragen derweil zwei Dutzend Männer Holzstämme auf ihren Schultern zur Hütte eines Nachbarn. Sie verrichten die Minga, die traditionelle Gemeinschaftsarbeit.

Dafür, dass es in Sarayaku so friedlich bleibt, werden die Bewohner auch in Zukunft kämpfen müssen. Öl ist nach wie vor das wichtigste Handelsprodukt der Welt. Für Ecuador sind die Einnahmen aus seinem Export der größte Posten im Staatshaushalt. Ignoriert die Regierung deswegen Teile des Richterspruchs? So hat sie 1,4 Tonnen Dynamit, die von der CGC in Sarayaku vergraben wurden, immer noch nicht beseitigt. Heriberto Gualinga wir auch deswegen im Dezember erneut mit einer Abordnung zum Interamerikanischen Gerichtshof in Costa Rica reisen. Dann wird auch die neue Verletzung der Gemeindegrenzen durch die Ölfirmen aus den benachbarten Konzessionsgebieten zur Sprache kommen.
Kinder in Indiodorf Sarayaku, EcuadorAnderswo ist der Kampf bereits verloren. 2012 scheiterte der Vorschlag der sozialistischen Regierung Ecuadors, den artenreichen Nationalpark Yasuní zu schützen, wenn die internationale Gemeinschaft einen Ausgleich für das Öl zahle, das dann im Boden bleibe. Es kamen nicht genügend Unterstützer zusammen. Danach gab Quito das Amazonasbecken praktisch zur Ausbeutung frei. Über Tausende Kilometer verlaufen dort Pipelines durch den Dschungel, auf Stichstraßen dröhnen Transporter durch den Wald, unterwegs zu Bohrlöchern, die an ihren Gasfackeln weithin zu erkennen sind.

Ein Brummen ist am Himmel zu hören. Eine Propellermaschine nähert sich Sarayaku, fliegt einen Halbkreis, wirkt wie Spielzeug vor den grünen Hügeln, setzt dann auf der 800 Meter langen Landepiste auf. Es ist eine der Cessnas von Air Sarayaku. In 30 Minuten fliegt sie zum kleinen Flughafen der Provinzstadt Puyo. Dort wird in einem Hangar gerade ein riesiger Industrie-Hubschrauber zusammengesetzt, der für den Transport und Abwurf von Pipelines über dem Dschungel dient.

Es gibt eine alte Prophezeiung. Sie ist so alt, dass niemand mehr weiß, woher sie stammt. Heriberto Gualinga glaubt, dass sie von den ersten Schamanen stammt, die vor Urzeiten den Rio Bobonaza hinauf reisten und Ayahuasca nahmen, eine halluzinogene Droge. Sarayaku, so heißt es in der Prophezeiung, sei ein Dorf des Widerstands. Es werde überleben, wenn die Katastrophe komme.

- Die Recherche wurde unterstützt vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat.

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