48 Stunden London - Als Olympiatourist unterwegs

friday, 5 p.m., stansted-airport
Der Empfang ist schon mal Klasse. Eine dunkelhäutige Olympia-Hostess mit britisch-lakierten Fingernägeln drückt mir eine 'London Map' in die Hände. Anschließend erklärt Sie mir mit einem charmanten Lächeln, dass ich doch nicht den Express-Train nehmen sollte. Der wäre mit 22 Pfund viel zu teuer. Der Bus für 9,50 mache es auch. Gesagt, getan. Und Danke noch mal für den Tipp. Gut 90 Minuten später bin ich an der Speakers-Corner auf dem Weg zum Hyde-Park. Werde allerdings fast überfahren, weil ich nur nach links sehe. Grosser Fehler in London. "Look right" steht auch überall auf dem Asphalt. Nur ein beherzter Sprint rettet mich vor einem Auffahrunfall.triathlon6

friday, 8 p.m. , hyde-park, public fewing
Nach einem kleinen Umweg über das Hotel bin ich schon wieder am Rennen. Andy Murray spielt auf einer der vier Riesen-Leinwände. Der Geräuschkulisse nach, steht der Show-Down unmittelbar bevor. Als ich an der Riesen-Leinwand ankomme, ist der Matchball gegen Novak Djokovic vorbei. Na, denn erst mal ein Bier holen.

5 Pfund kostet der halbe Liter, nervendes Gedängel gibt es nicht. Auf einer anderen Videowand startet in Kürze das Leichtathletik-Programm. 'Jess' Ennis, britische Siebenkämpferin und die Gold-Hoffnung der Nation beim 200m-Lauf. Den gewinnt sie, der Lärmpegel ist dementsprechend hoch. Pfiffe gibt es, weil mitten in der Wiederholung ein Moderator die Bühne betritt und eine Band ankündigt. Cast, ein paar Herren im Mittelalter, die sich am Britpop versuchen.

Weiter zur nächsten Leinwand, denn da läuft jetzt Leichtathletik. Mein Nachbar - umhüllt mit einem Union-Jack - jubelt. So eben hat David Storl seinen letzten Versuch absolviert, stößt die Kugel nicht weiter. 1 Zentimeter fehlt zur Goldmedaille, die der Pole Majewski holt. Briten sind bei diesem Wettkampf nicht dabei.

saturday, 7:45 a.m., paddington
Ich sitze allein in einem italienischen Cafe, schlinge Bacon and Eggs hinuter. In 75 Minuten startet der Triathlon. Im Hyde-Park geht es kurz darauf erst mal nicht mehr weiter. Überall Sicherheitsleute mit gelben Signalwesten. Ich schließe mich einer Gruppe Journalisten an, die gerade ein Olympia-Bus auf den Asphalt geworfen hat. Zwei Kontrollen kann ich überwinden, dann stehe ich vor einem blauen Metallzaun. Ohne Akkreditierung geht es hier nicht mehr weiter. So ein Mist!london2
Weiter geht es in Richtung Osten. Irgendwie um den Teich kommen. Aus allen Richtungen kommen Leute. Deutsche mit Deutschland-Fahnen, Holländer mit Holland-Hüten, Schweizer mit Rucksäcken. Und natürlich Briten im Union-Jack. Aber den sieht man hier überall. Weiter, wieder nach Westen. An der Laufstrecke, um den See, stehen sie bereits in Vierer- und Fünferreihen. Dabei kommen sie hier erst in eineinhalb Stunden vorbei. Ein Glück, dass es auch noch eine Radstrecke gibt. Mittlerweile klebt das Hemd am Rücken.
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saturday, 9 a.m. , hyde-park, serpentine-bridge
Am Horizont springen ein paar schwarze Gestalten in den See - der Wettkampf hat begonnen. Am ersten Wendepunkt eine wunderschöne leere Brücke - reserviert für eine Handvoll Journalisten. Die Tribühnen im Zielbereich: allenfalls zu einem Zehntel gefüllt. Es ist ja noch früh am Samstag.

Auf einer Wiese zwischen See und Radstrecke entdecke ich eine Videowand. Bisher schaut da kaum einer zu. Vier Triathletinnen führen, steigen mit grossen Vorsprung aus dem Wasser. Beine in die Hand, ab zur Radstrecke. Die Ist ja nur 100 Meter entfernt. Ein Wettkampf der kurzen Wege. Ein bischen drängeln, ein bischen schieben, die Kamera einfach auf die Strasse halten. So ist das nun mal als Olympia-Tourist.
triathlon2.london3

triathlon7So geht es sieben mal. Dann ab zur Laufstrecke. Nix zu sehen. Wieder zur Videowand, wieder an die Strecke. Ein Blick von hinten, ein paar Fotos über Kopf. Die Zuschauer schreien, weil eine Britin mit vorn dabei ist. Nach der vierte Runde, rennen Hunderte plötzlich vom See aus in Richtung Wiese. Da steht - bekanntlich - na, DIE VIDEOWAND! Endlich eine Chance für gute Bilder.triathlon8
Plötzlich ist es still. Die Britin kann schon mal nicht gewonnen haben. Die Australierin, die Schweizerin Spierig, die Schwedin? Alle drei waren in der letzten Runde mit in der Spitzengruppe. Die Videowand ist abgestellt. Über Lautsprecher höre ich etwas von einer Medaillenzeremonie. Schließlich jubeln irgendwo ein paar Schweizer Touristen. Aha.

saturday, 1 p.m., hourse-guard-parade
Hier laufen die Briten brav im Kreis. Um einen See herum. Den direkten Weg über die Brücke im Park zu nehmen, so wie es Sinn machen würde, geht nicht. Sicherheitspersonal weist den Weg. Wie überall. Sicherheitspersonal checkt auch die Karten für die Achtelfinale im Beach-Volleyball. Keiner, der noch ein paar Tickets verkauft. Keiner. Darauf hatte ich eigentlich gehofft. Was soll ich mit all den britischen Pfund machen?! Dann eben die Zeit für einen kleinen Stadtbummel nutzen. Number 10 downing street, Big Ben, Houses of Parlament.

saturday, 6 p.m., hyde-park, public fewing
Schlange stehen am Sicherheitscheck. Immerhin: der Eintritt ist kostenlos. Irgend eine Band trällert. Deutlich sichtbar: ein paar Biers wurden heute hier schon getrunken. Das Gelände ist über Nacht zu einer Müllkippe geworden.london7
"What a night, to be british!!" Der BBC-Kommentator kriegt sich gar nicht mehr ein. Erst 'Jess' Ennis, dann ein Weitspringer, kurz darauf ein britischer Russland-Deutscher. Die Menge beim Public Fewing im Hyde-Park tobt, steht kurz vor der Ekstase. Was aus den anderen wird, kein Wort darüber. Kein Wort über Lili Schwarzkopf, die von der Videoleinwand verloren blickt. In der Ergebnisliste taucht sie nicht mehr auf, im Kommentar auch nicht. Kritisiere noch einer ARD und ZDF wegen ihrer  'nationalen Brille'.

Ahhhh, nebenan beginnt gerade ein Elfmeterschiessen. England läuft an. Trifft viermal, der fünfte geht danaben. Frustriert und still strömt die Masse auf die Ausgänge zu. "Da gibt es doch nicht!" höre ich im Vorbeigehen einen Deutschen raunen.

sunday, 10 a.m., paddington
'Englisch Breakfast' im Cafe, draussen schüttest es. Schnell noch einen Schirm gekauft, dann ab in die U-Bahn Richtung Olympia-Park. An der Stadion Embankment steige ich auch. Hier soll der Marathon entlang führen. Obwohl es in Strömen regnet stehen die Menschen an der Strecke in Fünferreien. Als das Feld das erste Mal vorbei kommt, sehe ich nichts. Irgendwann hört es auf zu regnen, eine Empore ist erklettert.

london8 Rüber auf die andere Strassenseite, hier stehen deutlich weniger Menschen. Ich ergattere einen Platz in der ersten Reihe. Hier an der Verpflegungsstelle hat man einen guten Überblick. Die Sonne scheint. Viermal kommen die Läuferinnen vorbei. Die Abstände werden immer größer, irgendwas ist immer los. Ob die Afrikanerinnen vorbeifegen, eine Chilenin die Wasserflasche verpasst, einer Irin eine Wärmefolie umgehangen wird. Zwischendurch fährt der 'Besenwagen' vorbei, eine Läuferin aus Ost-Timor kämpft als Vorletzte verbissen. Sie wird persönliche Bestzeit laufen. Nur noch wenige stehen am Strassenrand und applaudieren. Wenn man den 'Olympischen Geist' sucht: hier ist er zu finden.  

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