Wortlose Gewaltspirale

Sie machen das Stadion bunt, die Kurve lauter. Eine Jugendbewegung, die aus Italien kommt und mittlerweile jedes deutsche Bundesligastadion erobert hat. Die Ultras, deren Vertreter sehr selten vor Fernsehkameras gehen.

Christian Bieberstein, "Chosen Few Hamburg":
"Man beschäftigt sich mit dem Verein, der Gruppen, mit dem was passiert. Man setzt sich viel mit Themen, auch mit politischen Thermen auseinander, was so gerade in der Öffentlichkeit los ist, was uns Fußballfans auch gerade betrifft."

Christian Bieberstein, "Chosen Few Hamburg":
"Genauso hat so eine Gruppe auch eine unheimlich hohe soziale Funktion, weil die Schicht aus der wir kommen, sehr unterschiedlich ist. Von 16 bis über 50 haben wir Leute, die bei uns Mitglied sind. Und dementsprechend individuell sind wir auch alle. Letztendlich zählt der HSV für den wir alle an einem Strang ziehen."

Michael Gabriel, Koordinationsstelle Fanprojekte - KOS:
"Egal was die jungen Menschen alles nicht können – sie finden in der Gruppe Anerkennung und absolute Wertschätzung. Das Einzige was sie geben müssen, ist Engagement und absolute Loyalität."

Engagement und Loyalität – manchmal bis zum Fanatismus.
Die Schattenseite der Ultra-Begeisterung: Kanonenschläge, Platzsturm und Körperverletzung.
Fast 800 Verletzte – das sind die letzten veröffentlichten Zahlen aus der Saison 2009/2010 für die 1. und 2. Bundesliga. Eine Verdoppelung innerhalb von vier Jahren. Mehr als ein Viertel davon waren Polizeibeamte. Bis hin zur 6. Liga sind Polizisten mittlerweile mit CS-Gas und Hunden im Einsatz.

Arnold Plickert, Gewerkschaft der Polizei:
"Manche Gruppen wie eben die Rostocker, die Frankfurter Ultraszene und in Teilen vielleicht auch Kölner sind für uns nicht mehr erreichbar. Da ist es auch illusorisch zu glauben, dass die mit uns sprechen."

Köln, eine der größten Ultraszenen Deutschlands. Insgesamt mehr als 1.000 Supporter. Darunter die 'Wilde Horde'. Hier vor der Fahrt zum Auswärtsspiel nach Leverkusen. Gesänge und Leuchtfackeln sind jedoch nicht alles. An diesem Tag werden vor dem Kölner Hauptbahnhof auch Kanonenschläge geworfen. In die Richtung von Reisenden, in die Richtung der Polizei.

VIDEO: Die 'Wilde Horde' vor dem Dom - 16.09.2011
Die 'Wilde Horde' ist es, die den wohl brutalsten Übergriff in diesem Jahr begangen hat. Nach dem Heimspiel am 5. Februar treffen die Ultras in Köln-Müngersdorf auf Einsatzleiter Volker Lange und seinen Stellvertreter Ralf Remmert. Aufgrund der noch laufenden Ermittlungen kann Ralf Remmert darüber nicht öffentlich reden. Sein Kollege spricht über seine Erinnerung an diesen Tag.

Volker Lange, Kölner Einsatzleiter:
"Die sind im Prinzip an uns vorbei gegangen und haben dem Kollegen Remmert im Vorbeigehen die Mütze vom Kopf gerissen. Und sind weggelaufen. Einer der Täter ist weggelaufen. Er ist schnell hinterher und hat ihn festgehalten. Und hat gesagt: 'Mütze her Freund'. Und dann hat sofort eine Solidarisierung eingesetzt und 20 -30 Leute sind hinterhergelaufen und haben auf ihn eingeschlagen. Von hinten mit Fäusten. Sie sind hier vorne durch diese kleine Buchenhecke getrieben worden, sind da zum Liegen gekommen. Und in dieser Phase – wir hatten auch die gelben Jacken an, weithin sichtbar – sind dann mehrere Leute auf ihm rumgesprungen und haben auf ihm rumgetreten, als wenn man ein Feuer austreten will. Also das Bild hat sich mir eingebrannt. Ne gelbe Jacke und viele Füße, die drauf rumgetreten sind. Er hat sich nur noch geschützt, hat quasi den Kopf unter den Armen verborgen. Und hat mir danach spontan gesagt: 'Ich habe gehofft, hoffentlich passiert nicht das gleiche Schicksal wie David Nivel.'"

Drei Tage später bekennt sich im Internet die 'Wilde Horde' zu diesem Vorfall, kündigt an, die Beteiligten aus ihren Reihen auszuschließen. Von Bedauern ist die Rede, eine persönliche Entschuldigung gegenüber den Kölner Polizisten gibt es bis heute nicht. Als wir um ein Interview anfragen, werden wir abgewiesen. Mit uns reden will man nicht.

Arnold Plickert, Gewerkschaft der Polizei:
"Wir haben Glück gehabt, dass nicht die ein oder andere Kollegin, der ein oder andere Kollege getötet wurde, beim Fußball. Wir haben sicher das ein oder andere Spiel gehabt, wo es knapp davor war. Insbesondere wenn ich dann alleine von so einer Gruppe angegangen werde, am Boden liege, und man tritt dann massiv auf denjenigen ein. Wenn dann, das haben wir ja auch erlebt in den letzten Jahren, massive Tritte gegen den Kopf erfolgen, dann kann das auch zum Tode führen."

Manchmal reagiert auch die Polizei unverhältnismäßig. Bremen – HSV im September 2010. Nach dem Abpfiff sperrt die Polizei den Ausgang der Gästefans. Es kommt zur Panik. Der HSV-Ultra Christian Bieberstein war damals dabei.

Christian Bieberstein, "Chosen Few Hamburg":
"Wir haben es vor ungefähr einem Jahr in Bremen erlebt, wie es damals eskalieren konnte. Und da waren Hunderten von Unschuldigen daran beteiligt. Das ging noch nicht einmal um Stress mit Ultragruppierungen. Sondern dass die Polizei eine Taktik gefahren hat, die alle getroffen hat. Wo es dann bei uns auch einen Schwerverletzten gab. Es ist halt die Verhältnismäßigkeit, die teilweise echt fehlt. Man wird teilweise behandelt wie ein Tier. Wenn dann Gas gesprüht wird - dieses CS-Gas – das ist Horror. Man kann nicht wegkommen, das tut ja auch weh. Von daher: die Verhältnismäßigkeit stimmt einfach nicht. Wir leben im 21. Jahrhundert. Und das sind Methoden wie im Mittelalter."

Zwei schwer verletzte HSV-Fans. Am Ende ist es wohl nur Glück, dass an diesem 25. September 2010 in Bremen nicht noch mehr passiert ist.

Michael Gabriel, Koordinationsstelle Fanprojekte - KOS:
"Es gibt viele Beschwerden von Fußballfans. Und das bezieht sich nicht nur auf die kleine Gruppe von Ultras oder den Gewaltbereiten. Sondern oftmals von grossen Gruppen von Fußballfans, was den Umgang durch die Polizei angeht. Das da nicht differenziert genug vorgegangen wird, dass da quasi alle über einen Kamm geschert werden. Auch keine Rücksicht genommen wird, auch auf friedliche Fans. Und das ist etwas wo ich glaube: das ist nicht von der Hand zu weisen, es gibt diese Vorfälle letztendlich. Wo es auch eine Bereitschaft der Polizei erfordert, welche Einsatzstrategie die richtigen sind, die angemessenen sind, um nicht noch negativere Reaktionen hervorzurufen."

Arnold Plickert, Gewerkschaft der Polizei:
"Ich kann jetzt nicht jede einzelne Einsatzsituation im Nachhinein kommentieren, ob zu wenig kommuniziert wurde, ob RSG zu früh oder zu spät eingesetzt wurde. Aber aus meinen Erfahrungen gehen die Kolleginnen und Kollegen sehr behutsam mit den Einsatzmitteln um und wenden diese dann an, wenn es erforderlich ist."

Ein weiteres schwer zu lösendes Problem: der unkontrollierte Einsatz von Pyrotechnik. Immer wieder gibt es Verletzte. Bei dem Feuerwerk auf den Tribünen werden häufig auch Unbeteiligte in Mitleidenschaft gezogen.

Michael Gabriel, Koordinationsstelle Fanprojekte - KOS:

"Die Erhöhung der Verletzten von unbeteiligten Personen. Das ist zum einen, dass auch auf Fanseite neben bengalischen Fackel jetzt oftmals auch Böller eingesetzt werden, die zu Schädigungen mit Knalltraumata und Schlimmerem führen. Wo man gar nicht einschätzen kann, wen man letztendlich trifft. So ein Böller: Münster gegen Osnabrück zum Beispiel mit fatalen Folgen. Auch der Einsatz von CS-Gas. Das ist nicht zielgerichtet einzusetzen oder in ganz geringen Fällen. Und wir haben das Beispiel gehabt, Darmstadt spielt in Erfurt: Da wird von 55 verletzten Personen, auch Polizeibeamten, gesprochen. Alle denken, es war aufgrund von Auseinandersetzungen zwischen Fangruppen. Letztendlich hat sich herausgestellt, dass 52 der Verletzungen durch den Einsatz von CS-Gas gekommen sind."

Vor vier Wochen. Rostock zu Gast in Frankfurt.
Minutenlange Spielunterbrechung weil Hansa-Fans im Stadion zündeln.
Fast wöchentlich gibt es solche Bilder, gibt es Auseinandersetzungen zwischen Fans und Polizei.
Die die Öffentlichkeit kaum zur Kenntnis nimmt.

Arnold Plickert, Gewerkschaft der Polizei:
"Wir stehen im Moment auf einer Stelle, wo die Waage ausschlagen wird. Gehen wir weiter in den Bereich, dass die Gewalttätigkeiten zunehmen oder kriegen wir diese Sache in den Griff. Dafür ist Voraussetzung, dass jeder die Rolle des anderen versteht und akzeptiert, dass jeder bereit ist diese Störergruppen auch zu benennen. Und dass wir sie aus der Anonymität drängen. Wenn das nicht passiert, glaube ich, werden die Zahlen uns einholen und wir werden weiter so dramatische Zahlen haben."

Michael Gabriel, Koordinationsstelle Fanprojekte - KOS:
"Diese kühle, geplante, kalte Gewalt, die in Teilen der Ultragruppen auch angewendet wird, ist eine, die für den Fußball auch gefährlich ist. Nicht nur für die Menschen gefährlich ist, sondern auch für die Entwicklung innerhalb der Fanszene gefährlich ist. Das passiert nicht nur im Fußball. Im Fußball sind wahrscheinlich die Kräfte, die man dagegen einsetzen kann - das ist meistens Kommunikation, das ist Miteinander – die sind stärker ausgeprägt als in anderen Teilen der Gesellschaft."

Christian Bieberstein, "Chosen Few Hamburg":
"Meistens ist es leider der Fall, dass die Polizei an Ende sagt: 'Nö, wir machen das jetzt so.' Natürlich sind wir damit unzufrieden. Natürlich sind Gruppen damit unzufrieden. Und das ist vollkommen legitim. Weil, wenn Dialog stattfindet will man Lösungen finden. Und Lösungen werden leider viel zu selten gesucht. Und wenn sie gesucht werden, werden sie nicht umgesetzt. Und das finde ich immer relativ schade."

Fans und Polizei – ein Konflikt der weiter schwelt.

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