Lance Armstrong - Unberührbar?

von Ralf Meutgens

 

Mensch, Maschine, Mythos: Die herausragenden Leistungen von Lance Armstrong bei der Tour de France befeuern nicht nur unter Radsport-Fans die Diskussion, ob bei dem Texaner alles mit rechten Dingen zugeht. Was meinen Experten aus Medizin und Wissenschaft?
"Before cancer I just lived. Now I live strong." (Lance Armstrong)

Nach Lance Armstongs Sieg bei der Tour de France 2003, der ihm so schwer fiel wie keiner seiner vorangegangenen vier Siege, schien ein sechster Erfolg in diesem Jahr zumindest nicht selbstverständlich; viele Beobachter zweifelten daran, zumal es noch keinem Rennfahrer gelungen war, die Tour sechsmal zu gewinnen.

 

Mit freundlicher Genehmigung dokumentieren wir einen Hintergrundartikel unseres Autors aus der Radsportzeitung TOUR 10/2004. Mit freundlicher Genehmigung dokumentieren wir einen Hintergrundartikel unseres Autors aus der Radsportzeitung TOUR 10/2004.

Mensch, Maschine, Mythos: Die herausragenden Leistungen von Lance Armstrong bei der Tour de France befeuern nicht nur unter Radsport-Fans die Diskussion, ob bei dem Texaner alles mit rechten Dingen zugeht. Was meinen Experten aus Medizin und Wissenschaft?

"Before cancer I just lived. Now I live strong." (Lance Armstrong)

Nach Lance Armstongs Sieg bei der Tour de France 2003, der ihm so schwer fiel wie keiner seiner vorangegangenen vier Siege, schien ein sechster Erfolg in diesem Jahr zumindest nicht selbstverständlich; viele Beobachter zweifelten daran, zumal es noch keinem Rennfahrer gelungen war, die Tour sechsmal zu gewinnen. Doch Armstrong siegte mit zuvor kaum gekannter Überlegenheit und Souveränität. Noch mehr als dieser sechste Sieg ist es aber eigentlich sein erster Triumph aus dem Jahr 1999, mit dem Lance Armstrong Geschichte schrieb, denn ein Jahr zuvor hatte der Radrennfahrer nur knapp eine schwere und bösartige Hodenkrebserkrankung überlebt.

Nach allem, was darüber bekannt ist, handelte es sich um eine aggressive und sich schnell ausbreitende Form von Hodenkrebs. Die ersten Anzeichen ignorierte Armstrong offensichtlich, und Metastasen befielen den Bauchraum, die Lunge und das Gehirn. Von Oktober bis Dezember 1996 wurde er insgesamt viermal chemotherapeutisch behandelt. Abweichend von der üblichen Medikamentierung wurde bei Armstrong nur in einem von vier Behandlungszyklen Bleomycin verwendet. Von Bleomycin ist bekannt, dass es die Lunge irreversibel schädigen kann. Die Metastasen, zwei davon im Gehirn, wurden operativ entfernt. Nach der Krebsbehandlung begann eine Rehabilitation, die im ersten Tour-Sieg eines als Athlet völlig veränderten Lance Armstrongs 1999 ihren ersten Höhepunkt fand. Der Amerikaner war im Gegensatz zu der Zeit vor seiner Erkrankung etwa zehn Kilo leichter und fuhr mit deutlich höheren Trittfrequenzen.

Erklärungen für diese einzigartige Kranken- und Erfolgsgeschichte? Neben der Tatsache, dass Armstrongs athletische Grundkonstitution nach der Erkrankung deutlich besser den Anforderungen einer dreiwöchigen Etappenfahrt entspricht? Der Heidelberger Sportpsychologe Professor Hans Eberspächer sieht einen Erklärungsansatz in der Psyche des Athleten und verweist auf das Konzept der Salutogenese des Medizinsoziologen Aaron Antonovsky (1923-1994). Dieser philosophische Ansatz beschreibt, vereinfacht dargestellt, dass alles in irgendeiner Form zusammenhängt. "Armstrong muss ein extrem ausgeprägtes Gefühl für diese Kohärenz haben, dafür, wie die Dinge untereinander zusammenhängen", sagt Professor Eberspächer und erklärt dies unter Verweis auf das Drei-Faktoren-Modell von Antonovsky: "Das bedeutet erstens, dass er seine Erkrankung verstanden hatte. Zweitens muss er davon überzeugt gewesen sein, dass er diese Erkrankung handhaben kann. Und drittens wusste er, dass sein Handeln sinnvoll ist." Diesem dritten, so genannten motivationalen Faktor komme besondere Bedeutung zu. Wenn die rationale Auseinandersetzung fehle, so Eberspächer, verzweifle der Patient oft schon am Verstehen der Krankheit. Durch sein starkes Kohärenzgefühl habe Armstrong jedoch auf die extremen Anforderungen flexibel reagieren und seine eigenen Kräfte zur Überwindung des Krebses optimal aktivieren können. Davon, dass Armstrong über eine ungemein starke Psyche verfügen muss, kann man sich seither jedes Jahr bei der Tour de France überzeugen.

Für den niedergelassenen Blut- und Krebs-Spezialisten Professor Christoph Clemm ist der Fall Armstrong aus medizinischer Sicht „eine Ausnahme, aber durchaus nachvollziehbar. Armstrong scheint therapiefrei zu sein. Eine völlige Wiederherstellung der körperlichen Leistungsfähigkeit ist nach dieser Erkrankung keine Seltenheit“. Für ihn ist Armstrong ein positives Beispiel für Patienten, bei denen die gravierende Diagnose Hodenkrebs gestellt worden ist. "Allerdings", sagt Clemm, "raten wir unseren Patienten nicht zum Leistungssport, sondern zu moderatem Ausdauertraining(s).“ Die bei Armstrong angewandte Krebs-Therapie sei Weltstandard, meint Clemm, der am Tumortherapiezentrum München als Spezialist für Hodentumoren arbeitet und einen der behandelnden Ärzte Armstrongs persönlich kennt. Die erfolgten Operationen würden heute zwar nicht mehr oder jedenfalls nicht mehr so schnell durchgeführt, hätten aber vermutlich keine funktionellen Folgeschäden nach sich gezogen. Die begleitende medikamentöse Therapie während und nach der chemotherapeutischen Behandlung bestehe laut Clemm in erster Linie aus Serotonin-Antagonisten, was die gefürchtete Nebenwirkung des permanenten Erbrechens verhindere. Dem starken Rückgang der weißen Blutkörperchen werde medikamentös begegnet, EPO zum Aufbau der roten Blutkörperchen sei möglich, aber nicht die Regel. "Nach der Chemotherapie kann sich eine Lungenfibrose, eine chronisch entzündliche Vernarbung und Verhärtung der Lunge, entwickeln, so dass wir die Behandlung mit Bleomycin auf maximal vier Zyklen beschränken".
In den meisten Fällen von Hodenkrebs ist zu Beginn der Erkrankung nur ein Hoden befallen, der dann mit den versorgenden Blutgefäßen entfernt werden muss. Diese so genannte Semikastration hat keinen Einfluss auf Libido und Orgasmusfähigkeit. Die Testosteron-Produktion des verbliebenen gesunden Hodens ist ausreichend. Neue Studien, sagt Clemm, hätten aber ergeben, dass die Produktion mit der Zeit nachlassen könne; dann wäre die Gabe von Testosteron eventuell medizinisch geboten.
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Der stets alerte und im Rennen aggressiv agierende Armstrong macht allerdings nicht den Eindruck, als ob er unter Testosteronmangel leiden würde. Vermutlich lässt sich auch nicht mit Bestimmtheit sagen, ab welchem Wert bei ihm ein Mangel bestünde. Der Testosteronwert ist individuell sehr verschieden und unterliegt Schwankungen. Man könnte allenfalls Referenzwerte für gleichaltrige gesunde Männer zugrunde legen, doch dazu müsste man eine Verlaufskurve des Testosteronwertes von Armstrong haben, bevor die Krankheit ausbrach. Die gibt es offenbar nicht - welcher gesunde Mann lässt schon kontinuierlich seinen Testosteronwert bestimmen? Es ist von Radprofis nur bekannt - im Fall eines deutschen GS-1-Fahrers aus den späten 90er Jahren sogar schriftlich belegt -, dass sie diesen Wert bestimmen lassen, wenn sie Testosterondoping oder artverwandte Manipulationen optimal einsetzen wollen.
Der Verdacht des Dopings wird die historischen Erfolge von Lance Armstrong dennoch begleiten. Im Kontext des internationalen Radsports rufen seine Leistungen zahlreiche Widersprüche hervor und werfen Fragen auf. 1997 und 1998 waren die Fahrer des Teams Festina bis auf ganz wenige Ausnahmen systematisch gedopt und wurden doch von anderen geschlagen. Fast alle Geständnisse von Radprofis (in jüngster Zeit Jesus Manzano und David Millar) beschreiben Doping dezidiert als allgegenwärtig im gesamten Peloton. Auch Armstrong wird durch Indizien, ernst zu nehmende Aussagen und Fragen, die niemand beantworten will, belastet.

So verwundert, dass Armstrong immer wieder betonte, auch ein sechster Tour-Sieg würde ihm in den USA nicht die Popularität einbringen wie ein Erfolg bei Olympia - und er dann leichten Herzens auf die Teilnahme in Athen verzichtete. Könnte es mit den verschärften und offensichtlich erfolgreichen Doping-Kontrollen zu tun haben und dem vor den Spielen angekündigten Nachweis des Wachstumshormons (hGH)? Darf Armstrong eventuell doch „erlaubte“ verbotene Mittel nehmen, auch wenn es aus medizinischer, krebstherapeutischer Sicht keine Hinweise darauf gibt? Doch hierzu schweigt Lance Armstrong eisern, auch auf die erneute schriftliche Anfrage von TOUR. Armstrongs Arzt, der bekannte amerikanische Krebsspezialist Dr. Lawrence Einhorn, bedauert, keine Auskunft geben zu können, er sei „zu beschäftigt“.

Das kann man von der amerikanischen Anti-DopingAgentur (USADA) nicht behaupten: Sie testete Armstrong im Jahr 2001 nur zweimal, 2004 viermal, in den Jahren 2002 und 2003 dagegen keinmal. Die Welt-Antidoping-Agentur (WADA) will erst gar nicht mitteilen, ob und gegebenenfalls wie oft Armstrong getestet wurde. Und der Weltradsport-Verband (UCI) hat wiederholt auf Anfragen dieser Art überhaupt nicht reagiert. So ist es durchaus möglich, dass in den letzten vier Jahren keine Trainingskontrolle durchgeführt wurde. Experten sind der Meinung, dass Epo-Doping zum Beispiel nur mit gezielten Trainingskontrollen nachzuweisen ist. Derart fehlende Transparenz bereitet naturgemäß einen sehr guten Nährboden für Spekulationen aller Art. Viele Fragen werden wohl immer unbeantwortet bleiben.

Jenseits dieser Diskussion muss man dennoch festhalten: Wäre der gesamte professionelle Radsport dopingfrei, bliebe Armstrong mit ziemlicher Sicherheit weiterhin der beste Fahrer. Alles, was er macht, macht er hochprofessionell, eben "strong". Dazu gehört auch, dass er sich seit Jahren auf die Tour de France als Jahreshöhepunkt konzentriert. Und dass sich alles und jeder im Team diesem Ziel bedingungslos unterordnet. Allein bei diesen Punkten bleibt für die Konkurrenz noch Einiges aufzuholen, bis in Sachen Professionalität und zielgerichteter Vorbereitung Gleichstand herrscht. Zudem besitzt Armstrong offenbar eine extrem positive Lebenseinstellung, die man ihm nicht immer anmerkt. Daraus jedoch den Schluss zu ziehen, dass Armstrong und mit ihm seine Teamkollegen die einzigen sind, die nicht zu unerlaubten Mitteln gegriffen haben könnten, wäre angesichts der Faktenlage zum Thema Doping im Radsport ausgesprochen naiv.

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