Russisches Roulette - Der Fall Hondo

Mit freundlicher Genehmigung dokumentieren wir den Artikel aus der Radsportzeitung TOUR 05/2005.

Danilo Hondo wurde des Dopings überführt. Seine Geheimwaffe im gefährlichen Spiel: Carphedon, ein relativ unbekanntes Aufputschmittel der im Radsport "beliebten" Gruppe der Amphetamine.

Amphetamine haben im Radsport eine unheilvolle Tradition: Das prominenteste Beispiel ist der Brite Tom Simpson, der 1967 am Mont Ventoux unter den Augen der Tour-de-France-Zuschauer einen dramatischen Todeskampf verlor. Auch der Wirkstoff Carphedon, der in Danilo Hondos Dopingproben entdeckt wurde, ist ein Amphetamin. Mit freundlicher Genehmigung dokumentieren wir den Artikel unserer Autoren aus der Radsportzeitung TOUR 05/2005.

Danilo Hondo wurde des Dopings überführt. Seine Geheimwaffe im gefährlichen Spiel: Carphedon, ein relativ unbekanntes Aufputschmittel der im Radsport "beliebten" Gruppe der Amphetamine.

Amphetamine haben im Radsport eine unheilvolle Tradition: Das prominenteste Beispiel ist der Brite Tom Simpson, der 1967 am Mont Ventoux unter den Augen der Tour-de-France-Zuschauer einen dramatischen Todeskampf verlor. Auch der Wirkstoff Carphedon, der in Danilo Hondos Dopingproben entdeckt wurde, ist ein Amphetamin. Die Droge reduziert Kälteempfindlichkeit, führt zu ausgeprägtem körperlichen Wohlbefinden und gesteigertem Antrieb und wirkt euphorisierend, was primär die Leistung steigert. So die typischen Wirkungen bekannter Amphetamine. Diese ermöglichen den Zugriff auf die "autonom geschützten Reserven" des Körpers, die dem Menschen von Natur aus nur in extremen, lebensbedrohlichen Situationen zur Verfügung stehen - also jeweils nur für kurze Zeit. Die Gefahr: Steigert man mit Hilfe von Amphetaminen seine Leistung über längere Zeit, kann das zu tödlicher Überanstrengung führen.

Mögliche Nebenwirkungen sind: Herzrhythmusstörungen, Schlaganfall, Hirnblutung, Herzstillstand, Magendurchbruch, Überhitzung, Depressionen, Psychosen, Abnahme der Lern- und Konzentrationsfähigkeit sowie psychische Abhängigkeit. Besonders schwer abzuschätzen sind Nebenwirkungen, wenn man Amphetamine einnimmt und seinen Körper gleichzeitig höchsten Belastungen aussetzt - also genau das, was gedopte Spitzensportler machen.

Meist kommen Amphetamine zwar in illegalen Drogen vor, doch auch einige Medikamente enthalten die Substanz. Schließlich wurde Amphetamin 1930 zunächst als Schnupfenmittel zugelassen, später für weitere rund 40 medizinische Indikationen. Als immer mehr Nebenwirkungen bekannt wurden, verschwand der Wirkstoff zunehmend vom legalen Markt.

Heute tauchen Amphetamine, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, vor allem als Aufputschmittel auf: Etwa bei Soldaten, Berufskraftfahrern und Sportlern. Und seit den 1990er Jahren als Partydroge Ectasy.
Informationen über das bei Danilo Hondo gefundene Carphedon sind spärlich und stammen meist aus russischen Publikationen. In Russland wurde die Substanz wohl Anfang der 90er Jahre als Designer-Stimulantium synthetisiert. Es gibt weder klinische Forschungen noch Zulassungsbedingungen. Nebenwirkungen sind nicht berechenbar. Erst 1997 registrierten die Kontroll-Labore Carphedon als Dopingsubstanz und setzten es 1998 auf die Liste der verbotenen Substanzen.

Hondo ist erst der weltweit fünfte Fall eines positiven Carphedon-Befundes, was entweder auf die geringe Verfügbarkeit der Substanz oder auf ihr konspiratives Handling schließen lässt. Die wenigen positiven Dopingbefunden lassen den Schluss zu, dass die User-Szene die Pharmakokinetik weitgehend im Griff hat - also das Wissen darüber, wie lange welche Dosis im Körper bleibt und nachgewiesen werden kann. Dieses Wissen, kombiniert mit dem Wissen um den Zeitpunkt Kontrollen, ist die Voraussetzung für unentdecktes Doping. Ein Weltklasse-Profi wird kaum riskieren, bei einer hohen Kontrollwahrscheinlichkeit Russisches Roulette zu spielen.

Daher sind die positiven Dopingtests von Hondo zumindest verblüffend. Eine mögliche Erklärung könnte eine zu hohe Dosierung sein, womöglich in Kombination mit einem zu geringen zeitlichen Abstand zur Kontrolle oder einem veränderten Ausscheidungsverhalten der Substanz unter körperlichen Extrembedingungen. Hondo hatte bislang keine Erklärung, "wie das Zeug in meinen Körper gelangt ist". Vielleicht wäre es ehrlicher, er würde sagen, dass er nicht weiß, warum das Zeug bis zur Kontrolle immer noch in seinem Körper war. Zeit, darüber nachzudenken hat er jetzt genug.

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