WM 2006: Ein Turnier ohne Tore

von Tobias Seeber

 

Nach vierwöchiger karnevalistischer Begeisterung, gibt es Stimmen, die die Qualität der WM-Partien bemängeln. Doch wie will man Niveau im Fußball eigentlich messen? Ist die Anzahl der Tore oder die Anzahl der Fehler, die ein Team macht der Maßstab. Risikofreude, der Wegfall jeglicher Taktik mag Zuschauer im Stadion und am Bildschirm entzücken, Trainer werden sich mit Grausen abwenden.

Da unser Portal den Blick des Zuschauers pflegt, wollen wir uns auch am Spektakel orientieren. In dieser Hinsicht kamen die Anhänger bei der Partie Deutschland-Polen 1:0 voll auf ihre Kosten.

Nach vierwöchiger karnevalistischer Begeisterung, gibt es Stimmen, die die Qualität der WM-Partien bemängeln. Doch wie will man Niveau im Fußball eigentlich messen? Ist die Anzahl der Tore oder die Anzahl der Fehler, die ein Team macht der Maßstab. Risikofreude, der Wegfall jeglicher Taktik mag Zuschauer im Stadion und am Bildschirm entzücken, Trainer werden sich mit Grausen abwenden.

Da unser Portal den Blick des Zuschauers pflegt, wollen wir uns auch am Spektakel orientieren. In dieser Hinsicht kamen die Anhänger bei der Partie Deutschland-Polen 1:0 voll auf ihre Kosten. Eine atmosphärisch dichte, temporeiche Partie mit dem millionenfachen Torschrei in letzter Sekunde. Tolles Erlebnis, jeder war zufrieden. Spielerisch war die Partie teilweise eine Katastrophe. Fehlpässe wechselten sich ab mit Zuspielen ins nichts, Polen war nicht in der Lage auf veränderte Bedingungen taktisch zu reagieren.

Geht man die Partien der Vorrunde durch, stellt man fest, dass doch genügend Partien Spaß bereiteten. Vor allem die als "Hammergruppe" annoncierte Gruppe C machte ihrem Namen alle Ehre. Die Partien zwischen Argentinien, Holland, Serbien/Montenegro und Elfenbeinküste boten über weite Strecken kurzweiligen Fußball. Das weltmeisterliche argentinische Angriffspiel beim 6:0 über Serbien/Montenegro, der zirkusreife Auftritt Arjen Robbens gegen die Restjugoslawen oder zweiten Halbzeiten der Elfenbeinküste in allen ihren Begegnungen waren ein reiner Genuß.

Doch deutet sich hier schon an, das individuelle Glanzleistungen eher die Ausnahme sind. Brilliant in der Offensive präsentierte sich Spanien in den ersten beiden Spielen, während Italien nur ab und zu Klasse aufblitzen ließ, aber vor allem sicher ohne Fehler spielte. Ebenfalls risikoscheu agierte Portugal, gewann damit jedoch alle drei Partien souverän. Von der Schweiz, USA, Ukraine oder anderen Mittelklassemannschaften zu verlangen, dass sie den Rest in Grund und Boden kicken ist übertrieben und hat es bei anderen Weltmeisterschaften auch nur selten gegeben.

Enttäuschend in der Vorrunde gestalteten sich die Leistungen von Frankreich, England und vor allem Brasilien. England stolperte sich ohne einen vernünftigen Sturm in einer leichten Gruppe in die nächste Runde, während sich Brasilien mit einer "Wir sind doch schon Weltmeister"-Attitüde dem Achtelfinale entgegenlangweilte. Wo hat Ronaldinho seine Klasse der letzten Jahre gelassen? Von Ronaldo durfte der Fan nach der Gewichtsdiskussion sowieso nicht viel erwarten, lediglich Kaka konnte ansatzweise überzeugen.

Unmut über die WM zog erst nach Abschluß des Achtelfinalspiele auf. Viele Fans glaubten der Extrakt von 16 aus 32 Teams, die im K.O-Sytem weiter spielen, würde die Risikofreude befördern. Wie auch bei Spitzenpaarungen in der Bundesliga oder in der Champions-League zeigte sich, das dem nicht so ist. Alle Mannschaften waren zuvorderst auf Fehlervermeidung aus, stellten clever die Räume zu, ließen Angreifer nicht zum Zuge kommen. Es entstanden im Achtel- und Viertelfinale chancenarme Partien, die oft durch den ersten Fehler entschieden wurden. So ist es eben, wenn gleichstarke Teams aufeinander treffen, die alle Stärken und Schwächen des Konrahenten kennen und alle Energie auf die eigene Ordnung lenken. Aufregung für die Zuschauer gab es nur in den fälligen Elfmeterschießen bzw. auf einer anderen Ebene in der schon legendären Hauerei zwischen Holland und Portugal.

Zuschauer, die nicht nur wegen des "schönen Spiels" dabei sind, werden z.B. bei Deutschland- Argentinien auf ihre Kosten gekommen sein. Wie die Südamerikaner lange Zeit ihr Forechecking aufzogen, die deutsche Abwehr in Bedrängnis brachte, die eigene Abwehr nach vorn zog, war schon große Klasse. Exzellent war aber auch wie die DFB-Verteidigung dabei nicht die Übersicht verlor, das Konzept beibehielt. So gab es kaum Torchancen und zwei falsche Auswechslungen (nicht Riqelme raus, dafür Messi statt Cruz bringen) des argentinischen Trainers brachten Deutschland ins Spiel zurück.

Voll auf ihre Kosten kamen die Zuschauer bei den Halbfinals und Endspielen. Bis auf die zweite Halbzeit zwischen Frankreich und Portugal, waren temporeiche, spannende Partien mit wieder einmal wenigen Toren zu sehen.

In spieltaktischer Hinsicht hat eine Entwicklung der letzten Jahre einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Der defensive Mittelfeldspieler kristallisiert sich zum wichtigsten Akteur einer Mannschaft heraus. Mit Pirlo, Vieira, Frings und Maniche haben die Halbfinalisten die stärksten "6er" in ihren Reihen. Hier wird das Spiel bestimmt, der gegnerische Angriff abgewehrt und das eigene Offensivspiel initiiert. Der klassische Regisseur der seine Mannschaft dirigiert, hat eher ausgedient. Von den Halbfinalisten besaß lediglich noch Frankreich mit Zidane eine prägende "10". Totti bei Weltmeister Italien oder auch der Potugiese Deco blieben unter ihren Möglichkeiten.

Auffällig war auch die Bedeutung der Trainer, die wie Schachspieler ihre Figuren setzen. Fehler beim Taktieren und Auswechseln konnten verheerende Folgen haben. Stellvertretend sind hier Pekerman, der im Viertelfinale gegen Deutschland mit der Riquelme-Herausnahme seine Argentinier schwächte, und Marco van Basten zu nennen. Der holländische Coach stellte den Streit mit Stürmerstar van Nistelrooy über den Teamerfolg. So mußte der Torjäger 90 Minuten zu sehen, wie seine Kollegen gegen Portugal keinen Treffer erzielten. Positiv hingegen Italiens Marcello Lippi, der im Halbfinale gegen Deutschland frischer Angreifer einwechselte und somit das Signal zum Sieg gab.

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