Tour der Leiden? - Tour der Lügen?

von Ralf Meutgens

Vor über 100 Jahren wurde die Tour de France nur zu einem Zweck aus der Taufe gehoben: Das härteste Radrennen aller Zeiten, wie es ihre  Väter nannten, sollte die Auflage einer Zeitschrift, kurioser Weise  hieß die 'L´Auto', steigern. Und zwar dadurch, dass vorrangig durch  sie darüber berichtet wurde. Das Konkurrenzblatt 'Le Velo' stand  besser da, weil es über Radrennen berichtete, die es selbst  veranstaltete. Die Rechnung ging auf und nach dem Motto `Die Geister,  die man rief´ hätte schon damals klar sein müssen, wohin diese Art des Marketings führen würde. 

Vor über 100 Jahren wurde die Tour de France nur zu einem Zweck aus der Taufe gehoben: Das härteste Radrennen aller Zeiten, wie es ihre  Väter nannten, sollte die Auflage einer Zeitschrift, kurioser Weise  hieß die 'L´Auto', steigern. Und zwar dadurch, dass vorrangig durch  sie darüber berichtet wurde. Das Konkurrenzblatt 'Le Velo' stand  besser da, weil es über Radrennen berichtete, die es selbst  veranstaltete. Die Rechnung ging auf und nach dem Motto `Die Geister,  die man rief´ hätte schon damals klar sein müssen, wohin diese Art des Marketings führen würde.

Geändert hat sich daran bis heute grundsätzlich nichts, denn die Große Schleife', wie die Tour auch genannt wird, ist fest in den  Händen der Amaury Sport Organisation (A.S.O.) die sie wie andere große  Sportveranstaltungen organisiert und vermarktet. Zum Konzern Amaury gehört auch die Sportzeitung 'L´Équipe', die über die Tour berichtet. In dieser Richtung hat sich die Tour de France also nicht  weiterentwickelt. Und in der ungeliebten Diskussion um die Existenz bedrohende Dopingproblematik ist eigentlich auch kein Fortschritt zu erkennen.

Doping war von Beginn an ein Thema im professionellen Radsport. Und zwar immer schon flächendeckend. Zum ersten Mal wurde es  einer breiten Öffentlichkeit 1967 bewusst, als der britische Radprofi  Tom Simpson während einer Tour-Etappe kurz unterhalb des Mount Ventoux vom Rad stürzte und anschließend an Herzversagen starb. Entgegen den Gepflogenheiten wurde eine Autopsie durchgeführt, die den Verdacht auf Amphetaminmissbrauch bestätigte. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es so gut wie keine Dopingkontrollen, viele Sachen waren noch nicht verboten und die 'Helden der Landstraße', wie Radprofis von den verklärten Fans  genannt wurden, waren unantastbar. Auch die nach dem tragischen Tod von Simpson verstärkt durchgeführten Dopingkontrollen waren so gut wie wirkungslos. Sanktionen bestanden, wenn überhaupt, in Verwarnungen oder Zeitstrafen von wenigen Minuten. Jeder wusste, dass gedopt wurde und dass es alle taten.

Durch den später so genannten Festina-Skandal wurde 1998 am Beispiel eines Teams klar, dass Doping System hatte und zum festen Bestandteil eines professionellen Radteams gehörte. In den späteren Gerichtsverhandlungen kam heraus, dass nur ein Fahrer des Teams  Festina nicht zu unerlaubten Mitteln gegriffen hatte. Der damalige Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer, Manfred Böhmer, wurde zuvor mit den Worten zitiert, dass sich das Dopingproblem bei genauerem Hinsehen auf drei Fahrer des Teams Festina reduziere. Da war wohl der Wunsch der Vater des Gedanken.

Die in den darauf folgenden Jahren durch die A.S.O. und den Weltradsport-Verband (UCI) ergriffenen Maßnahmen boten Stoff für  Realsatire. Im Jahre 2001 wurden 'Die zehn Gebote gegen Doping' erlassen und sechs Jahre später hieß es ?Heilige Allianz gegen  Doping?. Kurz zuvor hatte der Fall des spanischen Dopingarztes Eufemiano Fuentes, der zahlreiche Sportler mittels Blutdoping  illegal  behandelt haben soll, zum wiederholten Mal den Profiradsport demaskiert. Zudem wurden den Radprofis Ehrenerklärungen abverlangt,  die aber das Papier nicht wert waren, auf dem sie verfasst wurden.

Die Welle der Geständnisse, die das damalige Team Telekom betrafen, hatte eindrucksvoll bestätigt, dass auch der Fall des französischen Teams Festina 1998 kein Einzelfall gewesen war. Ebenso belegen fast ausnahmslos die Biographien von ehemaligen Radprofis, dass Doping für sie ein Thema war, dass es immer völlig normal war, dass es alle betraf und dass es ein quasi ungeschriebenes Gesetz im Peloton war. Seit den 1970er Jahren gibt es, vorwiegend in Frankreich und Italien, zahllose behördliche Ermittlungsverfahren, die das Ausmaß der Dopingproblematik im Radsport belegen. Das bestätigten in neuerer Zeit auch die Aussagen der beiden Kronzeugen Jörg Jaksche und Patrik Sinkewitz sowie die von Bernhard Kohl.

Besonders die letzten drei Jahre waren auch für die Veranstalter der Tour de France eine wahre Berg- und Talfahrt. 2006 sah der US-Amerikaner Floyd Landis zunächst wie der Sieger der Tour de France aus. Nachdem erwiesen war, dass er gedopt hatte, wurde ihm der Titel aberkannt. Dabei wäre er ein idealer Nachfolge des siebenmaligen Siegers Lance Armstrong gewesen. Landis fuhr trotz einer schweren Hüfterkrankung ein bemerkenswertes Rennen.2007 musste man den lange führenden Dänen Michael Rasmussen aus der laufenden Tour nehmen, weil er  im Vorfeld falsche Angaben über seine Aufenthaltsorte gemacht hatte, um so potenziellen Trainingskontrollen der Dopingfahnder zu entgehen. Den Sieg errang daraufhin der Spanier Alberto Contador, von dem vermutet wird, dass auch er Kunde von Fuentes war.

2008 wurde dem Team Astana um Contador die Teilnahme aufgrund der Verstrickungen in den Fuentes-Skandal und anderer Dopingfälle verwehrt. Damit konnte der Vorjahressieger nicht teilnehmen, um seinen Titel zu verteidigen. Während der laufenden Tour gab es fünf  Dopingfälle und bei weiteren Fahrern auffällige Blutwerte. Nach Ende der Tour wurden die Dopingproben des Deutschen Stefan Schumacher und des Österreichers Bernhard Kohl, der im Trikot des besten Bergfahrers Dritter geworden war, positiv auf das bis dahin als nicht nachweisbar geltende Dopingmittel Cera, eine Weiterentwicklung des als Dopingklassiker gehandelten Nierenmedikaments Erythropoietin (EPO), getestet. Es war mit Hilfe des herstellenden Pharma-Unternehmens gelungen, ein zuverlässiges Testverfahren zu entwickeln.

Man kann davon ausgehen, dass nicht nur diese beiden Fahrer mit Cera nachgeholfen haben. Belgische Medien nannten kurz nach der Frankreich-Rundfahrt zahlreiche Namen, bei denen angeblich auffällige Blutwerte auf Doping hinwiesen. Jeder kann sich ausdenken, was es bedeutet hätte, wenn nicht nur der Drittplatzierte Kohl, sondern  weitere prominente Teilnehmer, vielleicht sogar der Sieger, nachträglich des Dopings überführt worden wären.

Die Mär von den einzelnen schwarzen Schafen, die der jetzige BDR-Präsident Rudolf Scharping oft zum Besten gegeben hat, hätte auch der treueste Fan nicht mehr geglaubt. Die Tour hätte massive und irreparable Schäden davongetragen. Mehr noch: Es hätte das Ende der Tour einläuten können.  Der für den französischen Markt sehr wichtige deutsche Markt wäre allein schon deswegen eingebrochen, weil bei einer derartigen Konstellation das Öffentlich-Rechtliche Fernsehen vermutlich langfristig ausgestiegen wäre.

Bis zum Start der diesjährigen Tour de France sind dann eine Reihe von Dingen geschehen, die mutmaßlich nur ein Ziel hatten: Dem Ansehen des 'Französischen Nationalheiligtums' Tour wieder aufs Rad zu helfen und so der A.S.O. einen Gewinn zu ermöglichen, der allein durch Radsport im mittleren zweistelligen Millionenbereich liegen dürfte. Nach Informationen aus gut unterrichteten Kreisen in Frankreich soll es in New York zu einem persönlichen Gespräch zwischen dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy und Lance Armstrong gekommen sein. Inhalt des Gesprächs: Das Comeback des siebenmaligen Siegers Armstrong.
 
Ferner wurde der in Dopingfragen als sehr kritisch und unnachgiebig agierende Vorsitzende der A.S.O. durch den Sohn der Konzernchefin  ersetzt, die auch unter sinkenden Absatzzahlen leidende Sportzeitung Équipe erhielt eine neue Chefredaktion und ihren Rechercheuren wurde  offenbar aufgetragen, ab sofort in Sachen Doping nicht mehr so intensiv zu recherchieren. Plötzlich lag zudem die Hoheit für die  Dopingkontrollen nicht mehr wie im Vorjahr bei der unabhängigen französischen Anti-Doping-Agentur, sondern wieder beim  Weltradsport-Verband, mit dem vorher gnadenlos zerstritten war. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Bisher ging die Rechnung mit Armstrongs Comeback auf. Bei der Tour Down Under in Australien und beim Giro d´Italia sorgte es nahezu für  eine Verdopplung der Zuschauer und Medienvertreter. Das wird sich bei der diesjährigen Tour de France vermutlich fortsetzen. Ob sich die  Dopingskandale wiederholen werden, wird der Verlauf zeigen. Am Start
sind diesmal auch das Team Astana mit Tour-Favorit Contador und etliche Fahrer, gegen die handfeste Indizien sprechen. Vielleicht  schlägt via Österreich auch eine Überraschung auf die laufende Tour durch, denn dort sind von den ermittelnden Behörden soeben die Namen der Sportler an die nationale Anti-Doping-Agentur weitergegeben worden, die im Verdacht stehen, dass bei ihnen die ins Visier geratene Wiener Blutbank Eigenbluttransfusionen zu Dopingzwecken durchgeführt hat.
Sollte es wider Erwarten keinen Skandal geben, ist das aber kein Beleg dafür, dass diesmal bei der Tour nicht gedopt wird. Und alles,  was in den letzten Jahren an die Öffentlichkeit gekommen ist, wird wohl nur die berühmte Spitze eines Eisbergs gewesen sein. Scheinbar  hat sich die langjährige Einstellung der Radprofis mittlerweile auf weitere Ebenen übertragen: Doping ist, wenn man positiv getestet wird.  

Die Grenze zwischen Betrug und Selbstbetrug scheint fließend.

Ralf Meutgens

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