Mit Doping auf den Gipfel

FRONTAL 21 - Juni 2001

Bericht: Ralf Meutgens und Fred Kowasch
Kamera: Stefan Stechow
Länge: 8:13 min

 

San Remo - 06.Juni 2001.
Ein schwarzer Tag für den Giro d `Italia.
Die- "Operation Kleeblatt" erinnert an eine Drogenrazzia. Über 200 italienische Ermittler dringen in die Hotels der Radsportteams, durchwühlen Hotelzimmer und nehmen Leibesvisitationen vor.

San Remo - 06.Juni 2001.
Ein schwarzer Tag für den Giro d `Italia.
Die- "Operation Kleeblatt" erinnert an eine Drogenrazzia. Über 200 italienische Ermittler dringen in die Hotels der Radsportteams, durchwühlen Hotelzimmer und nehmen Leibesvisitationen vor.

Hein Verbruggen
(Präsident Weltradsportverband/UCI):

"Wenn man dann sieht, wie die behandelt werden, also die letzte Nacht wieder, dann glaube ich, irgendwann muß man Verständnis haben, daß das ein bißchen zu viel ist."

Zuviel? Was die Fahnder finden, übertrifft die schlimmsten Befürchtungen. Tabletten, Spritzen, Dopingmittel. Jeder Art und in großen Mengen. Auch Dario Frigo erwischt es, bis dahin Zweiter des Giro d'Italia. Bereits in den Tagen davor wurden mehrere Radprofis des Dopings überführt - mit einem neuen Testverfahren. Flächendeckendes und systematisches Doping - Radsport: eine Sportart unter Generalverdacht.

In Italien ermitteln seit Monaten mehrere Staatsanwaltschaften gegen Ärzte und Betreuer von Radsportteams. Im Zentrum der Ermittlungen steht der Sportmediziner Francesco Conconi. Der soll über Jahre hinweg systematisch Spitzensportler mit dem verbotenen Nierenmedikament EPO behandelt und ihnen zur Leistungssteigerung verholfen haben. Erst jetzt erfährt die Öffentlichkeit das wahre Ausmass des Doping-Skandals. Nur zufällig fand die Staatsanwaltschaft bei einer Razzia belastendes Material. Computerlisten mit Namen, Daten, Fakten.

Zum Beispiel Marco Pantani. Die Dokumente, die FRONTAL 21 exklusiv vorliegen, zeigen, mit welchen Hämatokritwerten der italienische Radstar fuhr. Der Hämatokritwert - er beschreibt die festen Bestandteile des Blutes und steht in enger Beziehung zum Sauerstofftransport, damit der Leistungsfähigkeit. Bei Werten von über 50 Prozent gehen Experten von EPO-Doping aus. Am 25. Juli 1994, einen Tag nach der Tour de France, die Pantani als Dritter beendete, hatte er 57,4.

Die italienische Mannschaft von Gewiss-Ballan bei der Tour de France am 03. Juli 1995. Sieger im Mannschaftszeitfahren - in Rekordzeit. Der Däne Bjarne Rijs vom selben Team beim Zeitfahren. Für viele überraschend wurde er 1995 Dritter. Ein Jahr später gewann er für Team Telekom die Tour de France. Die uns vorliegenden Dokumente zeigen, daß Rijs und andere Fahrer von Gewiss-Ballan 1995 bei der Tour der France mit erhöhten Hämatokritwerten - jenseits der magischen 50% Werte - unterwegs waren.

Wir konfrontieren einen der Gewiss-Ballan Fahrer, den Italiener Guido Bontempi, mit seinem Hämatokritwert von der Tour de France 1995. Ja, er sei das auf der Liste. Die Werte könne er aber nicht einschätzen. No dottore. Er sei kein Doktor, sagt er uns.

Guido Bontempi: "No, No dottore!"

Heute ist Guido Bontempi sportlicher Leiter des italienischen Top-Teams Saeco. Keine Äußerung zu damals, kein Interview.

Reporter:
"Das wollten wir uns mal interpretieren lassen. Das hat uns jemand zugespielt."

Jörg Ludewig (Radprofi):
"Er ist kein Doktor und hat nicht so den Plan davon. Wenn es euch interessiert müßt ihr den Doktor fragen."

Guido Bontempi: "Finita l`intervista."

Reporter:
"Das sind seine Hämatokritwerte aus dem Jahr 1995. Von der Tour de France 62 und 57,9."

Jörg Ludewig (Radprofi): "Er sagt finito interview. Mehr kann ich leider dazu nicht sagen. "

Einer, der die Radsportszene genau kennt, ist Dr. Wolfgang Stockhausen. Zwölf Jahre war er Mannschaftsarzt beim Bund Deutscher Radfahrer. Ein intimer Kenner der Materie.

Reporter:
"Was bedeuten denn die Werte aus Ihrer Erfahrung als Arzt, der sich mit Radsport beschäftigt?"

Dr. Wolfgang Stockhausen (Arzt):
"Diese Werte, die ich in dieser Form noch nie gesehen hab, wenn nicht durch irgendwelche pharmakologischen Mittel das Blut beeinflusst worden ist. Ich kenne diese Werte bei sauberen Fahrern in dieser Höhe nicht."

Systematisches Doping im Radsport belegen auch diese Dokumente. Sie fielen belgischen Staatsanwälten in die Hände. Dazu der Medikamentenplan eines deutschen Fahrers, der heute noch aktiv ist. Auf dieser Liste auch das Wachstumshormon HGH und sogar die Frage nach dem richtigen Einsatz von Dopingmitteln wie EPO.

Dr. Wolfgang Stockhausen (Arzt):
"Wenn man die Leistungsbeobachtung anstellt, wie ist die Entwicklung von welchem Fahrer, gibt es Leistungssprünge in irgendwelchen Bereichen, dann kommt man relativ schnell zu dem Schluss, was da passiert. Mal unabhängig einmal davon, was man da oder dort aus erster Hand erzählt bekommt, wenn man um Rat gefragt wird, oder ähnliches. Allein nur aus der intensiven Beobachtung des Geschehens. "

Reporter:
"Was bekommt man denn so erzählt?"

Dr. Wolfgang Stockhausen (Arzt):
"Es gibt Athleten, die erzählen was sie tun. Ganz offen und direkt und dabei auch um Rat fragen. Das ist selbstverständlich, wie sich ein Drogenabhängiger outet und sagt: ich hab da ein Problem, hilf mir oder wie ein Alkoholabhängiger einem das sagt das ist das Problem, so ist das dort auch der Fall." {mospagebreak}

Die Deutschland-Tour. Ein prominent besetztes Etappenrennen. Hier müssen die Fahrer keine Überraschung befürchten. Schon gar nicht die neuen EPO-Tests. Getestet wird wie eh und je, auf Mittel, die längst nicht mehr genommen werden. Das Katz und Maus Spiel mit den Doping-Jägern hat Methode und Tradition. Hin und wieder wird einer erwischt. Doch die Spitzensportler sind meist einen Schritt weiter.

Der neue Renner sind derzeit die synthetischen Hämoglobine, quasi eine Art EPO-Ersatz - bereits seit Monaten im Einsatz. Dies bestätigt ein früherer Radsportler und jetziger Betreuer von Radprofis. Aus Angst will er seine Anonymität bewahren. In einer schriftlichen Stellungnahme läßt er uns über seinen Anwalt folgende Erklärung zukommen. Darin heisst es:

ZITAT:
"Es steht unzweifelhaft fest, dass sogenannte synthetische Hämoglobine im Radsport eingesetzt werden. Das weiß ich durch den Kontakt zu Fahrern, anderen Betreuern, Trainern oder beteiligten Medizinern. Derzeit sind diese Produkte noch schwierig zu beschaffen und stehen vor allem den großen Teams zur Verfügung, die gute Kontakte zu Kliniken und sportmedizinischen Zentren haben. Sie waren, nach allem was ich weiß, auch in Sydney im Einsatz und konnten offiziell deklariert als Medikament eingeführt werden."


Hemopure und Oxyglobin, der letzte Schrei in der Radsportszene. Der Einsatz dieser Substanzen ist für die Radprofis fast ohne Risiko.

Prof. Wilhelm Schänzer
(Anti-Doping Labor Köln):

"Diese Substanzen sind verboten. Es sind künstliche Sauerstoffträger, Hemopure und Oxyglobin, die im Augenblick noch nicht kontrolliert werden, weil die Methoden noch nicht etabliert sind. Sie sind aber auch sei April 2000 verboten und es müßte eigentlich auf diese Substanzen kontrolliert werden, mit einer effektiven Analytik."

Doch eine effektive Kontrolle auf Blutergänzungsstoffe gibt es nicht. Dabei kann sich jeder bedienen - im Internet. Blutergänzungsstoffe, EPO und Wachstumshormone, so viel der Kunde will. Die deutschen Strafverfolgungsbehörden sehen bislang zu. Der Frankfurter Oberstaatsanwalt Körner schlägt Alarm. Seit Monaten fordert er eine Schwerpunktstaatsanwaltschaft, ähnlich wie in anderen europäischen Ländern.

Dr. Harald Körner
(Leiter der Zentralstelle für die Bekämpfung von Betäubungsmittelkriminalität):

"Es muss der Handel getroffen werden, es müssen die Schmuggler getroffen und dann versucht werden durch Prävention durch Aufklärungsmassnahmen den Sportler dahin zu bringen, dass er zukünftig von solchen Mitteln läßt."

Reporter:
"Sehen sie noch Hoffnung für den Anti-Doping Kampf?"

Dr. Wolfgang Stockhausen (Arzt):
"Die größte Hoffnung setzte ich auf die Sportler selber. Ich hoffe, dass die irgendwann Angst kriegen. Ich hoffe, daß die Angst kriegen und von mir aus eine Zweite Liga aufmachen. Daß es eine Bewegung geben wird, wieder so wie mal die Olympischen Spiele. Dass wir sagen: gut, wir fahren nicht ganz so schnell, aber wir einigen uns wieder auf einen Status, auf einen Ehrenkodex."

Ehrenkodex? Eine schöne Idee. Im knallharten Radsportgeschäft ein frommer Wunsch - eher bleibt die Gesundheit der Fahrer auf der Strecke.

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