Verbotene Cocktails - Spitzensport a la Tour de France

auslandsjournal (ZDF)
19. Juli 2001

Reporter: Ralf Meutgens, Fred Kowasch
Kamera: Reinhard Biermann

Länge: 06:40 min

 

Es ist Frankreichs Sportereignis des Jahres. 3462 quälend lange Kilometer. 21 Tage Vollgas. Bis man vor Schmerzen nicht mehr treten oder sitzen kann. Die Tour de France - vor allem ist sie ein gigantischer Werbefeldzug. Banken, Lotterien und Mobilfunkanbieter fahren um die Wette - alles für die Medienpräsens. Bei 100 Millionen Mark liegt der Etat der Tour de France. Davon sind lediglich 5 Millionen Mark Preisgeld. Der Radsport - fast nur Beiwerk.

 

Es ist Frankreichs Sportereignis des Jahres. 3462 quälend lange Kilometer. 21 Tage Vollgas. Bis man vor Schmerzen nicht mehr treten oder sitzen kann.


Die Tour de France - vor allem ist sie ein gigantischer Werbefeldzug. Banken, Lotterien und Mobilfunkanbieter fahren um die Wette - alles für die Medienpräsens. Bei 100 Millionen Mark liegt der Etat der Tour de France. Davon sind lediglich 5 Millionen Mark Preisgeld. Der Radsport - fast nur Beiwerk.

Straßburg am vergangenen Samstag. Eine Anti-Doping Demonstration.


Demonstranten:
"Keine Tour de France mit Doping. Die Sportler sollen sich nicht von den Sponsoren und von dem Geld fressen lassen."

Eine Handvoll Idealisten. Müde belächelt. Denn bei dieser Tour ist Doping wieder ein Thema und auch alte Sünder sind am Start.

07. Juli - Auftakt in Dünkirchen. Sieger und Träger des Gelben Trikots: Christophe Moreau. Ein mehrfach positiv getesteter Radprofi. 1998 bei der Skandaltour gab er den systematischen Gebrauch von Dopingmitteln zu.


09. Juli - Etappe von Calais ins belgische Antwerpen. Der Belgier Marc Wouters siegt in seiner Heimat und schlüpft ins gelbe Trikot. Doch zur Doping-Kontrolle muß er nicht. Obwohl das für jeden Etappensieger Pflicht ist. Ein klarer Verstoß gegen das Tour-Reglement.

16. Juli - Etappe nach Aix les Bains. Gewinner Sergej Iwanow. Im letzten Jahr noch von der Tour ausgeschlossen. Der Grund: ein überhöhter Hämatokritwert.

Immer wenn dieser Blutwert über 50 Prozent liegt sprechen Fachleute von möglichem Doping. Meist ist das Nierenmedikament EPO im Spiel - das leistungssteigernd wirkt. Positiv getestete Fahrer werden aus dem Rennen genommen.
Doch es gibt auch Ausnahmen bei Überschreitung des Grenzwertes. Beispiel: das deutsche Team Telekom. Bei mindestens zwei Radprofis ist der Blutwert höher als eigentlich erlaubt.

Lothar Heinrich
(Arzt Team Telekom):

"Es gibt Fahrer die ein Attest haben, weil sie zeitweise ein Hämatokritwert von über 50 Prozent haben. Ja, das ist richtig, ja."

Reporter:
"Wenn Fahrer beim Team Telekom einen höheren Hämatokritwert, also über 50 Prozent, haben dürfen unterhöhlt das nicht im gewissen Maße auch die Kontrollen bei der Tour de France?"

Lothar Heinrich
(Arzt Team Telekom):

"Nein, in keinster Weise. Ich meine die Fahrer sind durch ihre Naturgegebenheit genetisch vorgeprägt; haben die einen erhöhten Hämatokritwert und das wär ja nur unfair wenn jetzt, wenn sie beispielsweise einen Hämatokritwert von über 50 Prozent haben, was nicht so unüblich wäre, und die dürfen dann kein Radrennen fahren, da würden sie sich auch wundern. Das wäre ja quasi ein Berufsverbot."


Es gibt weitere Ausnahmen von der Regel für Radprofis. Beispiel: Jan Ullrich - Toursieger von ´97. Seit der Doping-Razzia beim Giro d`Italia vor sechs Wochen ist allgemein bekannt: der Deutsche ist Asthmatiker. Und darf deshalb ganz legal eigentlich verbotene Doping-Mittel einnehmen - wie Cortison. Jan Ullrich ist nicht der einzige Spitzensportler beim Team Telekom, der an Asthma leidet.

Reporter:
"Wieviele Fahrer gibt es denn beim Team Telekom die Asthma haben? Oder gibt es einen der kein Asthma hat?"

Lothar Heinrich
(Arzt Team Telekom):

"Ja, natürlich gibt es Fahrer die kein Asthma haben. Die Frage suggeriert ja, daß 100 Prozent Asthma haben würden. Das ist nicht der Fall. Es sind ungefähr ein Drittel der Fahrer die Atemprobleme haben, allergisch bedingt oder eben asthmatisch bedingt."

Das heißt im Klartext: mindestens acht Fahrer vom Team Telekom dürfen ärztlich verordnet Medikamente nehmen die auf der Dopingliste stehen.


{mospagebreak}Jan Ullrichs Asthmamittel beschäftigt jetzt die italienische Staatsanwaltschaft. Auch Lance Armstrong, Tour-Sieger der letzten beiden Jahre, ist ins Visier der Doping-Fahnder geraten. Grund: seine Verbindungen zum italienischen Arzt Michele Ferrari, rechts im Bild.Er soll Radprofis das Doping-Mittel EPO verabreicht haben. Deshalb muss er sich im September in Italien vor Gericht verantworten.

Über Kontakte zu dem umstrittenen italienischen Arzt Michele Ferrari schweigt Lance Armstong. Er schreibt lieber Autogramme und schickt seine persönliche Pressesprecherin vor.

Sophie Boulet
(Sprecherin US Postel):

"Das wichtigste ist der Sport und der Wettkampf. Er weiß um was es geht. Lance nahm niemals EPO und er hat darum nichts zu befürchten."


Auch ein anderer Radstar war häufig bei umstrittenen italienischen Sportärzten zu Gast. Bjane Rijs Tour de France Sieger von 96. Inzwischen ist er als Manager des Teams CSC Tiscali bei der Tour dabei.
Aufzeichnungen von italienischen Ärzten belegen jetzt: Bjane Rijs hatte bei einer Tour einen Hämatokritwert von 56,3 Prozent. Deutlich über dem Grenzwert.

Bjarne Rijs
(Manager CSC Tiscali):

"Tut mir leid. Ich bin nicht hier auf der Tour de France um solche Sachen zu diskutieren. Das hab ich schon jahrelang gemacht. Da habe ich kein Interesse. Tut mir leid. Ich bin hier um Sport zu treiben. An allem anderen Scheiss hab ich kein Interesse. Tut mir leid. Tut mir leid."

Reporter:
"Uns liegen hier Unterlagen vor, in denen sie mit einem Hämatoritwert von 56,3 geführt werden?"

Bjarne Rijs
(Manager CSC Tiscali):

"Tut mir leid. Tut mir leid. Entschuldigung. Das kann ich nicht gebrauchen."


Tour de France - am Glanz darf niemand kratzen. Kritiker sind unerwünscht. Erst recht wenn sie aus den eigenen Reihen kommen. Wie der Franzose Christophe Bassons. Er wagte es bei der Tour 99 offen über Doping zu sprechen.

Christophe Bassons
(Radprofi):

"Auch ich habe versucht in Top-Form zu sein - auf meine Art. Die Frage ist doch: gab es da Doping oder nicht? In einem gedopten Feld konnte ich einfach nicht gewinnen - in einem Feld mit weniger Doping hätte ich vielleicht eine Chance gehabt."

Die Reaktion auf diese Offenheit kam prompt. Gemobbt von anderen Radprofis gab Bassons mitten in der Tour 99 entnervt auf. Jetzt hat er sogar endgültig aufgehört. Doping unter Radprofis. Wie das geschlossene System wirklich funktioniert, weiß der Arzt und Radsportexperte Dr. Wolfgang Stockhausen.

Dr. Wolfgang Stockhausen
(Sportmediziner):

"Wie kommt ein Rennfahrer dazu, wie ist der Einstieg für einen Sportler? Indem man das von einem anderen erfährt. Mach mal so, ich mach das so. Man redet untereinander... und wo gehst du denn hin. So funktioniert das Ganze und so spricht sich das auch rum.

Reporter: Wo man Dopingmittel kriegt ...

Dr. Wolfgang Stockhausen
(Sportmediziner):

"Wer das macht. Und du mußt zu dem und dem gehen und da und da gibt es das .. und so weiter ..."

Die Tour de France. Das Radsportereignis schlechthin. Das härteste Rennen der Welt. Hier zählt nur der Sieg. Woher die Leistung kommt, wen interessiert das schon wirklich?! {mospagebreak}

 

netzeitung,
20. Juli. 2001 16 Uhr

"ZDF-Beitrag sorgt für Ärger beim Team Telekom"


[...]Für erneute Verärgerung beim Team Telekom hatte ein Beitrag am Donnerstagabend im «auslandsjournal» des ZDF über Doping im Radsport der Autoren Fred Kowasch und Ralf Meutgens gesorgt. Darin kam auch der Arzt des Team Telekom, Lothar Heinrich, zu Wort. Nachdem die Autoren des ZDF-Beitrages ausgeführt hatten,
dass ein erhöhter Hämatokrit-Wert über 50 Prozent auf mögliches Doping im Zusammenhang mit dem Präparat EPO schließen lässt, wurde ausgeführt, dass auch bei mindestens zwei Radprofis des Team Telekom der «Blutwert höher als eigentlich erlaubt» ist. Dazu sagte Heinrich im ZDF: «Es gibt Fahrer, die ein Attest haben, weil sie zeitweise einen Hämatokritwert von über 50 Prozent haben. Ja, das ist richtig, ja», sagte Heinrich. Zudem wurde Heinrich nach der Zahl der Asthmatiker im Team Telekom befragt, zu denen auch der Merdinger Jan Ullrich gehört.

Fahrer mit Asthmaproblemen

Frage der Autoren:«Wieviele Fahrer gibt es denn beim Team Telekom, die Asthma haben? Oder gibt es einen, der kein Asthma hat?»

Antwort Heinrich:
«Ja, natürlich gibt es Fahrer, die kein Asthma haben. Die Frage suggeriert ja, dass 100 Prozent Asthma haben würden. Es ist ungefähr ein Drittel der Fahrer, die Atemprobleme haben, allergisch bedingt oder eben asthmatisch bedingt.»

Im Anschluss an diese Antwort sagten die Autoren, dass mindestens acht Fahrer vom Team Telekom ärztlich verordnete Medikamente nehmen dürfen, die auf der Dopingliste stehen und das Jan Ullrichs Asthmamittel nun auch die italienische Staatsanwaltschaft beschäftigen würde. Wie Jürgen Kindervater sagte, sei Herr Heinrich entgegen der Zusage der Autoren des Beitrages «nicht komplett» zitiert worden. [....]

Kowasch: Keine Zusagen

Nach den Worten Kindervaters werde Herr Heinrich dem ZDF vorerst für Interviews wohl nicht zur Verfügung stehen.

«Es ist seine Angelegenheit, wem er Interviews gibt und wem nicht. Wir zwingen ihn nicht dazu, dem ZDF für Interviews zur Verfügung zu stehen», so Kindervater. Wie Fred Kowasch erklärte, hätte es keine Zusage an Lothar Heinrich gegeben, dass gesamte Interview ungekürzt zu senden.

Heinrich zurückhaltend

Lothar Heinreich selbst wollte sich detailliert zu dem Fall nicht äußern. «Ich habe den Beitrag noch nicht gesehen, deshalb werde ich mich dazu auch vorerst nicht äußern», sagte Heinrich der Netzeitung. Von einem Interview-Bann gegenüber ZDF-Reportern wollte er aber nicht sprechen, sagte jedoch: «Ich werde mir zukünftig
sehr genau überlegen, wem ich Interviews gebe.»
[....]

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