Zyklisch verseucht

Neue Qualität von Dopingfällen im Radsport

 

Von Ralf Meutgens

 

Nach der jährlichen Pressekonferenz der NADA, der Nationalen Anti-Doping-Agentur, herrschte Verwirrung. In der Presse wurde berichtet, daß der Bund Deutscher Radfahrer/ BDR mit fünf Sperren wegen Dopingvergehen Spitzenreiter unter den deutschen Verbänden sei. Es habe drei Fälle von Doping mit Stimulanzien gegeben, außerdem zwei mit EPO, die aber nicht mal in der Bilanz der NADA auftauchten.

 

Bei genauerem Hinsehen stellt sich die Situation wie folgt dar: Ein EPO-Fall betrifft eine eingefrorene Probe aus dem Jahr 2007, der andere eine Trainingskontrolle aus dem Vorjahr; Stimulanzien werden nur einmal aufgeführt. Sie betreffen eine Wettkampfkontrolle der fämischen Nada, die einen deutschen Radsportler im Jahr 2008 überführte; zwei Fälle betreffen Radsportler, die im Wettkampf 2009 mit der Modedroge Cannabis erwischt wurden. Von den beiden letzten ist aber nur einer der Öffentlichkeit bisher bekannt. Er betrifft einen Amateurradsportler. Cannabis wirkt nicht stimulierend, sondern beruhigend und wird vornehmlich bei Risikosportarten genommen.

Neue Qualität von Dopingfällen im Radsport

 

Von Ralf Meutgens

 

Nach der jährlichen Pressekonferenz der NADA, der Nationalen Anti-Doping-Agentur, herrschte Verwirrung. In der Presse wurde berichtet, daß der Bund Deutscher Radfahrer/ BDR mit fünf Sperren wegen Dopingvergehen Spitzenreiter unter den deutschen Verbänden sei. Es habe drei Fälle von Doping mit Stimulanzien gegeben, außerdem zwei mit EPO, die aber nicht mal in der Bilanz der NADA auftauchten.

 

Bei genauerem Hinsehen stellt sich die Situation wie folgt dar: Ein EPO-Fall betrifft eine eingefrorene Probe aus dem Jahr 2007, der andere eine Trainingskontrolle aus dem Vorjahr; Stimulanzien werden nur einmal aufgeführt. Sie betreffen eine Wettkampfkontrolle der fämischen Nada, die einen deutschen Radsportler im Jahr 2008 überführte; zwei Fälle betreffen Radsportler, die im Wettkampf 2009 mit der Modedroge Cannabis erwischt wurden. Von den beiden letzten ist aber nur einer der Öffentlichkeit bisher bekannt. Er betrifft einen Amateurradsportler. Cannabis wirkt nicht stimulierend, sondern beruhigend und wird vornehmlich bei Risikosportarten genommen.

 

Das Ausmaß des anhaltenden Doping-Mißbrauchs im Radsport wird durch diese wenigen Dopingfälle auch nicht annähernd abgebildet. So, wie die Dopingrealität im deutschen Sport insgesamt auch nicht durch die insgesamt 21 Fälle überführter und folglich gesperrter deutscher Athleten im Vorjahr abgeleitet werden kann. Die NADA selbst räumt eine Dunkelziffer ein.

 

Lichtblicke sind unbestritten die beiden EPO-Fälle. Wie schwierig sich der Missbrauchsnachweis von EPO-Doping gestaltet, verdeutlicht der Fall des vor kurzem überführten Schweizer Radprofis Thomas Frei. Der 25jährige vom neugegründeten BMC-Rennstall unter Leitung von Andy Rihs, der 2005 nach dem Dopingfall des kurzzeitigen Tour de France-Siegers Floyd Landis bereits Schiffbruch mit dem Phonak-Rennstall erlitten hatte, gab pikante Details der Doping-Praxis zum besten. Frei bekannte, er habe ganz geringe Dosen Epo genommen und nur vergessen, ausreichend Wasser zu trinken, sonst wäre er niemals doping-auffällig geworden. Unter den Radprofis sei diese Form von Doping - Epo in Mini-Dosierung in Einheit mit reichlich Wassertrinken - gängige Praxis, niemand werde damit doping-auffällig.

 

Vor dieser Dopingvariante warnt Professor Horst Pagel seit Jahren. Er ist Professor für Physiologie an der Universität zu Lübeck und gehört zu den renommiertesten EPO-Experten weltweit. Seiner Meinung nach sind neue EPO-Präparate nach dem Wegfall des Patentschutzes durch die Analytik nicht mehr hinreichend zu erkennen. Die Firmen weigern sich standhaft, Präparate aus der klinischen Forschung den Analyse-Labors zur Entwicklung eines justiziablen Testverfahrens zur Verfügung zu stellen. Aus dem Sport weiß man, dass diese Präparate teilweise den Weg aus der Forschung direkt zum Athleten finden.

 

Der deutsche EPO-Fall, der die eingefrorene Probe des früheren Bahnradsportlers und Olympiateilnehmers Christian Lademann aus dem Jahr 2007 betrifft, lässt indes aufhorchen. 2004 führten seine auffälligen Blutwerte, die der damaligen Radsport-Präsidentin Sylvia Schenk verheimlicht wurden, zum Rücktritt der Präsidentin von ihrem Amt. Im Zentrum dieses Falles stand Sportdirektor Burckhard Bremer. Nun ist das Berliner Kammergericht Ende April zu einem bemerkenswerten Urteil im Fall Sportdirektor Bremer gekommen.

 

Es ging um eine Unterlassungsklage von Bremer gegen den Grünen-Sportpolitiker Winfried Hermann, der sich 2008 in den Medien kritisch zu Bremers Umgang in Dopingfragen geäußert hatte. Doch die Berufungsklage von Bremer vor dem Kammergericht gegen ein Urteil des Landgerichts Berlin hatte keinen Erfolg. Vielmehr kommen die Richter zu dem Schluss, dass die Aussage, Bremer sei an einem Dopingfall beteiligt gewesen, korrekt ist. Der Beklagte, also Sportdirektor Bremer, habe im Jahr 2004 daran mitgewirkt, den Doping-Fall Lademann innerhalb des BDR zu verschweigen. Neben der damaligen Verbandspräsidentin Schenk war auch die NADA über den Dopingverdacht nicht informiert worden. Bremer wurde inzwischen mit einem neuen Vier-Jahres-Vertrag beim BDR ausgestattet, der aus Steuermitteln finanziert wird.

Doch den Verband und seinen Sportdirektor ficht dies alles nicht an. Radsport ist eine zyklische Sportart, und dementsprechend wiederholt sich alles immer in unschöner Regelmäßigkeit. Ehemals mit Doping sozialisierte Sportler werden ungeachtet dessen Trainer, Sportliche Leiter, Manager oder Funktionäre. Eine Art Personalrecycling des Radsports, das eine grundlegende  Änderung von Missständen nahezu unmöglich macht.

 

(Übernahme mit freundlicher Genehmigung des Deutschlandsfunks)

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