Kino: Deutschland - ein Sommermärchen

Sieg oder Niederlage - Trauer oder Triumph. Am Rande steht ein Trainer, der seine Spieler wie besessen antreibt. Die albern gern mal rum, sitzen oft im Bett, haben ihre ganz speziellen Rituale, bevor sie auf den Platz gehen.


Sie haben ihre Deutschland-Trikots aus dem Schrank geholt, sich eine schwarz-rot-goldene Fahne auf das Gesicht gemalt und Hula-Hula-Ketten in den deutschen Nationalfarben umgehängt. Am Anfang knarrt hinter mir eine Rassel. Nur kurz, dann wird es still. "Deutschland, ein Sommermärchen" hat begonnen und das Publikum im ausverkauften Saal blickt in die leeren Gesichter ihrer Fussballstars.

Jens Lehmann starrt vor sich hin, Michael Ballak kämpft mit Tränen, Bernd Schneider schüttelt den Kopf. Es sind die Minuten nach dem 0:2 gegen Italien im Halbfinale, es sind die stärksten Momente dieses Dokumentarfilmes.

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In den folgenden 106 Minuten nimmt uns Regissuer Sönke Wortmann mit auf seine Reise ins Innere der Fußballnationalmannschaft, sieben Wochen im jetzt schon legendären Sommer 2006. Als Deuschland wie verzaubert war, ein Liebesrausch der Gefühle über die sonst so starre und jammernde Nation glitt.

Im Zentrum des Filmes steht ein Besessener - Jürgen Klinsmann. Er peischt die Spieler auf - immer und immer wieder. Selbst wenn er (zur Entspannung) mal Tischtennis spielt, gibt er sie: seine 110 Prozent. "Jaaaaa ....." So hat man den 'Sonnyboy' noch nie gesehen.

DeutschlandEinSommer_schweini.JPGSeine Spieler sind hoch konzentriert, albern aber auch gern mal rum und befolgen Rituale bevor sie auf den Platz gehen. Sieg oder Niederlage - Trauer oder Triumph. Die Rassel surrt, der Kinosaal tobt, als Oliver Neuville das 1:0 gegen Polen macht, Jens Lehmann den Elfmeter des Argentiniers Gambiasso hält.

FOTOS: Kinowelt


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DeutschlandEinSommer_kabine.JPGUngläubiges Staunen als sich Michael Ballack und Oliver Kahn gegen eine Verabschiedung auf der Berliner Fanmeile aussprechen. Hier erfährt man - endlich einmal - was hinter den Kulissen wirklich abging. Doch diese Momente gibt es in dem Film nur selten.

Immerhin weiß der Fan nun: Frings hat zugeschlagen, Lehmann den Ball im Kabinengang verloren und nur Ballack sein Trikot nach dem Italien-Spiel getauscht. Details am Rande.

Nur sporadisch blickt Sönke Wortmann hinter die Fassade des Unternehmens DFB. Wenn etwa Jens Lehmann, Oliver Kahn und Torwarttrainer Andreas Köpke über die Nummer 1-Entscheidung im deutschen Kasten sprechen. Ansichten über die Bayern-Lobby, die Berufskolumnisten und die BILD-Zeitung.

DeutschlandEinSommer_ballack.JPGDer Film wurde unter Zeitnot produziert. Vielleicht fehlen deshalb auch fast alle Schrifteinblendungen. Nur der 'eingefleischte' Fan weiß schließlich, welcher graue Herr da jetzt gerade spricht, welcher Motivations-, Fittness- oder Seelentrainer seine Ansichten zum Besten gibt.

Auch die WM-Vorbereitung kommt im Film zu kurz. Die Ernüchterung im Vorbereitungsspiel gegen Japan, der graniose Fanempfang einen Tag später beim (einzigen!) öffentlichen Training der Nationalmannschaft in Düsseldorf. Vielleicht gibt es ja später einmal noch einen 'Directors-Cut'.
Zu wünschen wäre es!

Kleinigkeiten! Am Ende gibt es Applaus, Tränen werden weggewischt, die Rassel kreist. Sönke Wortmann hat ein bewegendes Dokument geschaffen, daß der WM-Fan sehen muß!

FOTOS: Kinowelt

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