Sport inside: Verdächtiger Dreikampf

 ein Film von Fred Kowasch und Ralf Meutgens

Ein Septemberwochenende in Köln am Fühlinger See. Kurz vor dem Saisonhöhepunkt auf Hawaii. Tausende Hobby- und Profiathleten zelebrieren ihre Sportart. Eine Sportart auf die bisher kaum ein Schatten fällt.

Wir sind verabredet mit Phillipp Görgen. Er ist selbst Leistungssportler auf der Sprintdistanz. Görgen hat mit zahlreichen Spitzenathleten gesprochen, weil er eine Doktorarbeit schreiben will. Thema: Doping im Triathlon. Ein Thema, mit dem man sich nicht unbedingt Freunde macht, aber das auch im Triathlon ein ernstzunehmendes Problem darstellt.

Philipp Görgen:
"Zu den Substanzen, die gern genommen werden kann man sagen, daß es sich hier ähnlich verhält wie bei anderen Ausdauersportarten auch, beispielsweise beim Radsport. Epo ist sicherlich an erster Stelle zu nennen, Wachstumshormone, Insulin, aber auch S 107."

g_wann_aufhoerenEine Liste an Dopingmittel, darunter kraft- und ausdauersteigernde Hormone, die verboten sind. Bei Profitriathleten gehören sie schon seit Jahren dazu. Dies belegen Dokumente wie diese Mail, geschrieben im Frühjahr 2004, während der Saisonvorbereitung auf einen Ironman. Der Verfasser - ein internationaler Topathlet, der am Samstag beim legendären Ironman auf Hawaii zum engsten Kreis der Favoriten zählt.

Die Mail dokumentiert, wie er einst einen Aufenthalt in San Diego, dem amerikanischen Trainingsmekka der Triathleten, zu einem besonderen Abstecher nach Mexico nutzte.

philipp_goergen

Philipp Görgen:
"Zum einen suchen sich Athleten, Ausdauerathleten, Radfahrer oder auch Triathleten natürlich gerne Orte aus, die klimatisch günstig liegen. Zum anderen ist es aber auch so, daß aufgrund der Nähe zu Mexico es so ist, das in Mexico unter der Ladentheke, bzw. auch ganz offiziell Präparate zum Doping, sehr, sehr einfach zu erwerben sind. Das trifft übrigens nicht nur auf Mexico sondern auch auf andere Länder zu."

Auszüge aus dem E-Mail-Verkehr eines internationalen Toptriathleten. Der 2009 auf Hawaii immerhin unter den besten Zwanzig ins Ziel kam. Seine Zeilen von damals, stellen seine Leistung von heute in ein ganz anderes Licht. In dem Dokument fallen Redewendungen wie 'frische Luft geschnuppert', stehen Abkürzungen wie E und G.

 Philipp Görgen:
"Wenn ich hier zum Beispiel lese: 'frische Luft geschnuppert' .... 'Frische Luft geschnuppert ist in der Szene ein Begriff für den Konsum von Epo. Also Luft, was auch in der Radsportszene gern mal als 'zweite Luft' bezeichnet worden ist, ist Epo. Und G ist Wachstumshormon. Es steht für Human Growth Hormon. HGH - auch sehr beliebt zur Anwendung."

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In einer anderen Mail schreibt ein weiterer Triathlet, was die Szene lange von den Kontrollen auf Hawaii hielt. Wie gering die Gefahr mit Doping aufzufallen, noch im Jahr 2003 für die Top-Athleten war. Und was passieren würde, wenn mal wirklich einer auf die richtigen Mittel kontrolliert.

Der Ironman auf Hawaii - der Top-Termin im Triathlonsport. 3.800 Meter im rauen Pazifik, 180 Kilometer durch die bizarre Vulkanlandschaft, dann noch einen Marathon über die heiße Insel. Und immer auch vorn mit dabei, deutsche Profis.

2004 gewann Nina Kraft als erste Deutsche überhaupt die 'Legende' auf der Pazifikinsel. Die Freude war groß, zunächst. Wochen später dann die ernüchternde Nachricht. Die Veranstalter hatten überraschend auf Epo kontrolliert. Nina Kraft hatte durch Betrug Hawaii gewonnen.

Nina Kraft (Triathletin, am 11.11.2004 in "Niedersachsen 18:00" - NDR Radio):
"Ich habe Epo eingenommen und dazu steh ich auch."
"Ich weiß, dass ist total falsch gewesen: ich kann das auch nicht mehr rückgängig machen. Ich habe da echt Scheiße gebaut."

Ursprünglich sollte die gebürtige Braunschweigerin für zwei Jahre gesperrt werden. Weil es aber die Deutsche Triathlon Union unterließ, ihre Regeln fristgerecht internationalen Standards anzupassen, kam Nina Kraft mit nur einem Jahr Sperre davon.

claudia_wisser Claudia Wisser (seit November 2008 Präsidentin der Deutschen Triathlon Union):
"Es war wohl so, dass unser alter Anti-Doping-Code grobe Mängel aufwies und dann ist es wohl auch zu Verfahrensfehlern gekommen, die natürlich dann an der Ernsthaftigkeit Zweifel aufkommen ließen. Und das war halt eines der meisten Probleme. Man hat es, glaube ich, auch im Triathlonbereich nicht so ernst genommen, das Thema."

2006
Jürgen Zäck, elfmaliger Finisher auf Hawaii und 'Altmeister des Triathlons' wird positiv getestet und von der DTU für zwei Jahre gesperrt. Zäck begründete den Doping-Fund mit verunreinigten Nahrungsergänzungsmitteln. Auf die Öffnung der B-Probe verzichtet er.

2007
Kurz vor dem Ironman in Frankfurt sorgen die abnormen Blutwerte von Lothar Leder für Aufmerksamkeit. Leder - ein Star der Szene - betreitet Doping, führt als mögliche Ursache für die Werte seine Herpeserkrankung an. Die Deutsche Triathlon Union stellt das Verfahren schließlich ein, spricht in der Begründung aber von Werten, die eine 'Manipulation nicht ausschließen' können.

2008
Der Fall Lisa Hütthaler. Ihr wird die Einnahme von Epo nachgewiesen. Kurz vor der Öffnung der B-Probe versucht die österreichische Staatsmeisterin eine Laborangestellte mit 50.000 Euro zu bestechen. Als sie umfassend aussagt, Hintermänner nennt, wird ihre Sperre reduziert.

Lisa Hütthaler (Triathletin, 13.07.2009 in Blickpunkt Sport - BR):
"Ich hab von Anfang an eigentlich ein Bild vom Sport bekommen, wo fünf Faktoren drinnen sind. Training, Ernährung, Regeneration, Umfeld und Doping. Und das wurde mir einfach so mitgegeben und ich hab kein anderes Bild und kein anderes Sportlerleben kennengelernt."

triathlon

Doping als Normalität?! Wir sprechen aktuell mit einem bekannten europäischen Triathlonprofi, der zum erweiterten Kreis der Weltspitze zählt. Er weiß, das Doping viel mehr als nur ein Randthema ist. Der Sportler, der mehrfach auf Hawaii unter den ersten Zwanzig war, will nicht erkannt werden, weil er den Bann der Szene fürchtet. Seine Aussagen liegen dem WDR in Form einer eidesstattliche Versicherung vor.

Informant:
"Mir haben hochrangige Trainer erzählt, dass Ärzte sie ansprechen und ihnen eben Methoden und Kosten sowie Nebenwirkungsfreiheit, auch keine positive Kontrollgefahr versprechen, wenn sie das machen. Nach dem Motto: 'Sag mal deinem Schützling: bei mir können sie das einkaufen.' Das kriegst Du mit, wenn Du an der richtigen Stelle das Ohr aufhältst."

Zurück nach Köln. Hier ist Andreas Realert unterwegs. Er zählt zu den Sieganwärtern für den Ironman auf Hawaii am Samstag, will bei seiner Generalprobe in der Domstadt mal locker die Form testen. Nach drei Stunden und vierzig Minuten ist er im Ziel, und lächelt noch. Der Zweite kommt vierzehn Minuten später.

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Andreas Realert:
"Ich bin seit vielen Jahren im Anti-Doping-Programm der Nada. Und ich muss fast täglich angeben, wo mein Aufenthaltsort ist. Ich wurde in diesem Jahr über 20 Mal kontrolliert und es ist für mich einfach ein Beweis. Und ich tue alles dafür, um meine Leistung einfach so darzustellen."

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Frage: "Redet man in der Szene darüber? Nina Kraft ist ein Fall, Jürgen Zäck ist auch mal positiv getestet worden, von Lothar Leder gab es Werte. Ist das ein Thema?"

Andreas Realert: "Es ist kein Thema. Es ist natürlich traurig, dass es in der Vergangenheit zu solchen Momenten kam. Sport ist einfach ein Spiegelbild der Gesellschaft. Wir müssen einfach alles dafür tun, dass der Sport sauber bleibt. Denn wir haben eine große Vorbildwirkung für unseren Nachwuchs."

Frage: "Sind Sie sauber?"

Andreas Realert: "Ja, natürlich. Zu 100 Prozent. Definitiv. Na klar!"


Claudia Wisser (seit November 2008 Präsidentin der Deutschen Triathlon Union):

"Bei unseren Eliteathleten denke ich, dass sie das Bewusstsein durchaus haben, dass das mit Doping nicht in Ordnung ist. Ich sehe nicht wirklich ein riesengroßes Thema."

Kein großes Thema? Der europäische Profi weiß da aktuell Anderes zu berichten.

Informant:
"Das ist meine Einschätzung, dass das Problem um sich greift. Es wäre auch blauäugig zu sagen: wir haben da ein kleines Problem. (...) Es gibt diese Leistungsschwankungen bei bestimmten Athleten und Athletinnen, da muss man nur die Augen aufhalten, das ist so. Es wäre auch komisch, wenn in anderen Sportarten ständig etwas aufgedeckt wird und wir komplett ohne dieses Problem unterwegs wären."

Der legendäre Triathlon in Roth in diesem Jahr. Eine 32-jährige Britin finisht alles in Grund und Boden. Chrissie Wellington, Ironman-Siegerin 2008 und 2009. Nach unglaublichen acht Stunden, 19 Minuten ist sie im Ziel. Nur sechs Männer waren schneller. Wellington braucht knapp eine halbe Stunde weniger, als es die Weltbestzeit vor zwei Jahren noch war. Wirklich erklären kann das keiner.

Claudia Wisser (seit November 2008 Präsidentin der Deutschen Triathlon Union):
"Es ist im Moment ein wahnsinninger Leistungssprung. Keine Ahnung, wo diese Entwicklung herkommt."

radfahrer cologneAntworten hat auch der aktive Ironman-Insider nicht. Eine Ahnung schon. Es hat sich etwas verändert im Triathlon. Nicht unbedingt zum Guten.


Informant:
"Ich weiß selber nicht mehr, in welcher Konkurrenz ich da unterwegs bin. Und ich habe nur noch ganz wenige Kollegen, für die ich meine Hand ins Feuer legen würde."

 Bekanntlich liegt zwischen Wahrheit und Erkenntnis manchmal nur der Faktor Zeit. Das war schon im Radsport so. Warum sollte dies im Triathlon anders sein?!

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