von Carsten Upadek, Rio de Janeiro
Der Mann wirkt zufrieden, fast glücklich. Er liegt auf dem Boden, den Kopf auf den Arm gestützt und sieht entspannt zu, wie die Leute an ihm vorbei-demonstrieren. „Man hätte meinen können, er liegt auf seiner Couch und schaut fern“, erzählt der Fotograf Davi Marcos. Doch eine Couch besitzt dieser Mann nicht, auch keinen Fernseher. Er ist einer von ungezählten Obdachlosen auf den Straßen von Rio de Janeiro. 
Foto: Carsten Upadek
Als Davi Marcos den Mann trifft, sucht er nach dem perfekten Bild. Eines, das die Botschaft der Demonstration, auf der er ist, zusammenfasst. Den Nationalfeiertag (Dia da Pátria/1822 Unabhängigkeit von Portugal) nehmen Aktivisten seit 1995 zum Anlass, gegen die soziale Ungerechtigkeit in Brasilien zu demonstrieren. Der „Schrei der Ausgeschlossenen“ (Grito dos Excluídos) will darauf aufmerksam machen, dass zehn Prozent der Bevölkerung mehr als drei Viertel des nationalen Einkommens unter sich aufteilen.
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von Kristin Jankowski, Cairo
Die Blutspur zieht sich über den Tahrir-Platz. Es ist das Blut eines Demonstranten, der bei den gewalttätigen Ausschreitungen mit den ägyptischen Sicherheitskräften ums Leben kam. Am vergangen Freitag morgen wurde ein Sitzstreik vor dem Parlament von der Polizei brutal aufgelöst. Seitdem zeigt das ägyptische Regime, wie es mit denjenigen umgeht, die eine zivile Regierung und Freiheit in ihrem eigenen Land fordern.
Es wird mit Schlagstöcken auf wehrlose Frauen eingeschlagen, es wird mit Stiefeln auf Demonstranten eingetreten, die bereits verletzt am Boden liegen. Es werden Straßenkinder festgenommen und geschlagen. Es wird scharf geschossen. Es sind Bilder, die nicht nur Gänsehaut und Schauer erregen. Es sind Bilder, die Tränen in den Augen hervorrufen ....

Foto: Amen Demos
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von Kristin Jankowski, Cairo
13.04.2011
"Mit wem hast du gerade gesprochen ?" Ein Mann mit Schnauzbart und schwarzer Lederjacke stand vor mir. "Warum ?" fragte ich ihn. "Wem hast du gerade gesagt, dass Soldaten in das Gebaude gegangen sind ?" wollte er von mir wissen. Er sprach arabisch. "Ich verstehe dich nicht", log ich ihn an. "Zeig mir dein Telefon," forderte er mich auf. "Mit wem hast du gesprochen ?" fragte er weiter. "Ich verstehe dich nicht", lautete wieder meine Antwort. "Ich bin vom Militaer", gab er sich bekannt. "Mit wem hast du gesprochen ?" hakte er nach. Es war 20 Uhr, Dienstag Abend der 12. April 2011.
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von Kristin Jankowski, Cairo
10.04.2011
"Ich kann nicht verstehen, warum sie Patronen gegen uns
einsetzen", sagte ein Demonstrant. Die Sonne war gerade aufgegangen und
lukte zwischen den Haeusern hervor. Er sah muede aus, seine Augen waren
geroetet. "Die Armee kam wie Adler von allen Seiten und hat uns angegriffen. Ich habe mit meinen Freunden auf
dem Tahrir-Platz gesessen. Und dann kamen sie von ueberall". Er schuettelt
den Kopf, griff in seine Jackentasche und zuendete sich eine Zigarette an.
"Wir haben friedlich demonstriert", fuegte er hinzu. Sein Freund
stand neben ihm. Er schaute sich um. Es war Samstag, der 9. April 2011, kurz
nach 7 Uhr morgens. Ein Bus stand in
Flammen. Dunkler Rauch zog ueber den Tahrir-Platz. Ich war muede, ich konnte
nachts kaum schlafen - zu viele Schuesse waren zu hoeren.
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von Kristin Jankowski, Cairo
"Ich bin sehr traurig und wuetend", sagt Kirolos Nagy. Seine
Stimme zittert. Er holt tief Luft : "Ich verstehe nicht, warum die Armee
Maikel Nabil einsperrt. Nach welchem Gesetz hat das Militaer gehandelt ? Maikel
ist seit vielen Jahren mein Freund. Ich weiss nicht, was mit ihm passieren
wird. Das macht mir grosse Angst."
In der Nacht vom 28. auf den 29. Maerz 2011 hat das aegyptische Militaer
den Blogger und Antimilitaristen Maikel Nabil festgenommen.
Maikel Nabil sass oft mit seinen Freunden in einem Strassencafe in der
Naehe der Boerse in Kairo. Es ist Cafe
mit bunten Stuehlen und Plastiktischdecken. Maikel hat seinen Tee immer mit
einem Loeffel Zucker getrunken. Wenn er
jemandem zur Begruessung die Hand gereicht hat, laechelte er und seine grossen
braunen Augen funkelten.
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Revolte in Ägypten - ein Tagebuch (IV)
von Kristin Jankowski, Cairo
Vom Dach aus konnte ich sehen, wie Soldaten gemeinsam mit einer Gruppe
von Maennern am aegyptischen Museum vorbeirannten. Sie hatten die selbe
Geschwindigkeit. Ihre Richtung: Der Tahrir-Platz. Dann verschwanden sie
aus meinem Sichtfeld. Ich lief die Treppen hinunter, nahm mit einem
Sprung mehrere Stufen. Ich oeffnete das grosse Eisentor, das auf die
Strasse fuehrt. "Nein, nein", rief der Pfoertner. "Gehe nicht dort
lang", rief er mir nach als ich in zum Tahrir-Platz gehen wollte. "Bitte
komm zurueck", rief er.
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Revolte in Ägypten - ein Tagebuch (III)
von Kristin Jankowski, Cairo
Am 11. Februar 2011 sass ich mit meinen Freunden
in meiner Wohnung, wir hatten gerade unseren Kaffee ausgetrunken, als
Omar Suleyman, Ägyptens Vize-Praesident vor die Kamera trat. Heidi
sass neben mir, ich beobachtete ihr Gesicht genau. "Sag es, sag es"
rief sie aufgeregt. Und dann sah ich, wie sich ihre Gesichszüge
veränderten, sie nach Luft schnappte und sich zu mir drehte. Kurz
bevor sie ihren Mund öffnete um mir zu übersetzen, was Omar
Suleyman genau gesagt hat, hörte ich bereits Jubelschreie in der
Strasse. Es war alles klar. Heidi, Belal und Kirolos sprangen vom
Sofa auf: "Er ist zurückgetreten, Hosni Mubarak ist
zurückgetreten," riefen sie. Wir umarmten uns und liefen hektisch
durch meine Wohnung. "Schnell, schnell, schnell", sagte ich zu
meinen Freunden. "Lasst uns schnell rausgehen".
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von Kristin Jankowski, Cairo
02.02.2011 - Tag 7
Ich spürte wie meine Schritte immer
langsamer wurden. Es roch nach Rauch in der Luft, ich rieb mir kurz
die Augen. Tränengas. Vor mir standen zwei beige Panzer, ich hörte
Schüsse in der Luft. Mir kamen Verletzte entgegen. Blut floss über
ihre Gesichter, sie hielte die Hände über ihre Wunden. Zahlreiche
von ihnen hatten bereits ihre Verletzungen mit Mullbinden versorgt.
Ich konnte aus der Ferne Steine fliegen sehen.
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von Kristin Jankowski, Cairo
25.01.2011 - Tag 1
Ich versuche mich an die vergangenen
Tage zu erinnern. Bilder schiessen in meinem Kopf, tanzen hin und
her. Verharren für Minuten. Ich erinnere mich an den Tag als alles
begann - den 25. Januar 2011. Den Tag, an dem tausende Ägypter auf
die Strassen gingen und gegen die Mubarak-Regierung, die
Notstandsgesetze, Polizeigewalt, Gerechtigkeit und Freiheit
demonstrierten. Den Tag, als die Ägypter die Mauer
ihrer Angst vor dem Regime durchbrachen.
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