Im Kölner Kessel

Nach interpool.tv vorliegenden Informationen kesselte die Polizei am 20.09.2008 an drei Stellen Demonstrationsteilnehmer ein. Der Versuch eines vierten Kessels wurde abgebrochen. Bei diesem Einsatz soll es, das bestätigen Polizei-Insider, zu zahlreichen Pannen gekommen sein. So sei nicht ausreichend für die Verpflegung der Eingekesselten gesorgt worden, auch hätte es Probleme mit der Bereitstellung von Toiletten gegeben. KVB-Busse, die die vorläufig Festgenommenen in die Gefangenensammelunterkünfte (Gesa) bringen sollten, seien ziellos durch die Start geirrt. Eine Richterin, die in der Gesa Brühl auf die Vorführung der rund 400 Festgenommenen wartete, wurde nicht ausreichend informiert und sei gegen 22 Uhr gegangen.


Video: Die Kölner Kessel

Zwölf Stunden ohne Rechte - ein Augenzeugenbericht


"Ich will hier durch", sagte ich zu einem jungen Polizisten. "Hier ist jetzt kein Durchkommen", erwiderte er schroff. "Warum ?" fragte ich. "Ist halt so", lautete seine Begründung.

Video: Die Kölner Kessel
Zwölf Stunden ohne Rechte - ein Augenzeugenbericht


"Ich will hier durch", sagte ich zu einem jungen Polizisten. "Hier ist jetzt kein Durchkommen", erwiderte er schroff. "Warum ?" fragte ich. "Ist halt so", lautete seine Begründung. "Warum halten sie mich jetzt hier fest ?" fragte ich. "Finden sie sich einfach damit ab, dass sie jetzt hier genauso viele Rechte haben, wie alle anderen auch. Nämlich gar keine! Finden sie sich damit ab, dass wir ihnen die Freiheit geraubt haben.“ Mit diesen Worten drehte er sich kurz zu seinen Kollegen und schaute danach starr in die Menge der Demonstranten.

Es war etwa 15 Uhr.

Ich setzte mich in die Sonne, las eine "taz", die mir zuvor ein Demonstrant geschenkt hatte. Die Eingekesselten waren ruhig, fanden sich erstmal mit der Situation ab. Dass wir Stunden später in Käfige eingesperrt werden sollten, hatte sicherlich zu diesem Zeitpunkt noch niemand gedacht. Immer wieder gingen die Demonstranten zu den Polizisten, um zu fragen, wie lange sie noch eingekesselt bleiben sollen. Die Polizisten schüttelten die Köpfe. "Wissen wir nicht", sagten die Herren und Damen in grün. "Können sie mir dann mal bitte erklären, mit welcher Begründung mich hier festhalten", fragte eine Duisburgerin, die sich ursprünglich auf dem Weg zum Kölner Bahnhof befand und dann eingekesselt wurde. Ein Polizist schaute sie an, schob seine Polizeimütze hin und her. Er überlegte. "Sie waren einfach zur falschen Zeit, am falschen Ort." "Das ist keine Argumentation", sagte sie wütend. "Worin ist das Festhalten begründet ?" wollten sie wissen
Ein ältere Polizist meldete sich zu Wort: "Irgendjemand in dieser Gruppe hat eine Straftat begangen. Und denjenigen wollen wir nun finden." Er zuckte mit den Schultern. "Mehr kann ich ihnen auch nicht sagen. Ich führe hier nur Befehle aus."

Etwa eine Stunde später wollte das erste junge Mädchen auf Toilette. "Kann ich mal auf Klo ?" fragte sie die Polizisten sichtlich nervös. "Wir kümmern uns drum", war die nüchterne Antwort der Beamten. "Ich muss aber mal. Ganz dringend“, fuhr sie fort. Der Beamte zuckte mit den Schultern. Das Mädchen ging zu einem der zwei Sanitäter, die sich auch im Kessel befanden. Sie durften auch nicht durch die Polizeiabsperrungen gehen. "Die wollen mich nicht auf Klo lassen." erzählte das Mädchen dem Sanitäter aufgebracht. "Das ist Nötigung", stellte der Sanitäter fest. Es war ein großer junger Mann mit braunen Haaren, der bereits seit drei Jahren als Sanitäter arbeitet. Während die Männer in eine Häuserecke pinkelten, die sich genau neben einer der Polizeiabsperrungen befand, behalfen sich die Frauen mit einem selbstgebauten Klo aus Transparenten. Toilettenpapier erhielten sie von den Sanitätern. Aus der Häuserecke stank es.

Um 16.34 stellte die Polizei Gitter auf, die vorher antransportiert wurden. Die Straße war nun endgültig dicht. Eine Polizistin sprach durch den Lautsprecher: Sie forderte die Demonstranten auf, die Versammlung aufzulösen.  Dreimal. "Ihr seid ja witzig", rief ein junger Demonstrant und ging auf die Polizisten zu, die sich hinter der Absperrung befanden. "Ihr lasst uns doch gar nicht durch. Ihr sperrt uns hier ein und fordert uns auf, die Versammlung aufzulösen. Wir würden ja gerne gehen. Aber ihr lasst uns nicht durch." Er schüttelte den Kopf, drehte sich um und fluchte. "Wir sind alle Paragraph 129a", sagte ein anderer Demonstrant, der vor der Absperrung stand. "Mindestens", rief ein anderer Demonstrant erbost zu.

Dreimal wurden die Demonstranten von der Polizei aufgefordert, die Versammlung aufzulösen. Um 16:48 Uhr kam eine Durchsage von einem Demonstranten, der einen Lautsprecher bei sich trug: "Ich haben gerade erfahren, dass alle, die sich in diesem Kessel befinden, festgenommen werden sollen." Ein Raunen ging durch die Menge. Ich schaute mich um. Ich sah hier keine gewaltbereiten Linksautonomen mit Glasflaschen und Feuerwerkskörper. Ich sah unter den festgehalteten Demonstranten junge Mädchen, die aufgebracht mit ihren Eltern telefonierten, ich sah ein Mädchen, das in den Armen ihrer Freundin weinte. Und sich die Tränen aus dem Gesicht wischte. Ihre Augen waren rotgeweint.

Eine Frau erbrach sich. Einige Jungs spielten mit Plastikflaschen Fußball.

Ich schaute an den Häusern hoch. Die Gardinen waren zugezogen. Niemand schaute auf uns runter. Niemand ? Doch, ich entdeckte drei Polizeibeamten auf dem Dach eines entfernten Hauses. Sie waren nur kurz zu sehen. Dann verschwanden sie wieder aus meinem Sichtfeld. "Was kann uns denn jetzt passieren ?" fragte ein Mädchen. " Ich bewerbe mich gerade für ein Stipendium." "Mach dir mal keine Sorgen", versuchte eine hübsche Demonstrantin das Mädchen zu beruhigen. Ein Hubschrauber flog über den Kessel in der Rheingasse. Er donnerte laut über den Köpfen der Demonstranten. Die Rheingasse ist eine einspurige Straße, ein großer Baum steht am Wegesrand. Zwei Autos waren geparkt. Einige Demonstranten hatten sich hingesetzt und sich gegen die Häuserwände gelehnt. Einige von ihnen schlossen die Augen. Die anderen schwiegen oder fluchten lautstark.

Ich traf ein Mädchen, die mir erzählte, sie sei erst fünfzehn Jahre alt. Ihre Haare hatte sie zu zwei Zöpfen gebunden. "Ich will noch mal fragen, warum ich hier festgehalten  werde. Vorhin, als ich durch die Absprerrung durch wollte, haben die Polizisten mich sehr ruppig zurück geschubst." Sie ging auf einen Polizisten zu. Er erklärte ihr, es bestehe der Verdacht, sie habe eine Straftat begangen. "Welche denn ?" wollte das Mädchen wissen.. "Das weiss ich auch nicht", antwortete er. „Ich war ja nicht dabei“, bemerkte er. Eine andere Demonstrantin ging auch auf den Polizisten zu. Die Blondine wollte auch wissen, was ihr vorgeworfen wird. Der Polizist zuckte mit den Schultern: "Sie waren einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Mehr kann ich nicht sagen. Ich befolge nur den Befehlen." "Das ist Freiheitsberaubung", erboste sich die Frau. Der Polizist sagte nichts mehr. Er schaute starr an ihr vorbei.

{mospagebreak} Um 18.18 kam ein LKW.
Er brachte den Eingekesselten zwei Dixieklos. Einige Demonstranten schauten sich die Lieferung an. Und klatschten. Eine ältere Frau mit grauem kurzem Haar, blickte von ihrem Balkon hinunter, schüttelte mit dem Kopf, bückte sich kurz und warf uns Bananen, Brot und Süßigkeiten aus dem Fenster. Sie ernete großen Beifall. "Das ist ja wie im Zoo", sagte ein junger Türke zu mir. Wir teilten uns einen Schokoriegel. Zuerst wollte er ihn gar nicht mit mir teilen. "Iss du den mal, " sagte er freundlich. "Du bist eine Frau. Du musst hier was essen. Ich will dir den nicht wegessen." Ich brach den Schokoriegel mit Marzipan in zwei Teile und gab dem Türken die eine Hälfte des Riegels. Er bedankte sich bei mir. "Die mag ich besonders gerne", fügte er noch hinzu und lächelte mich mit seinen großen braunen Augen an. "Was macht ihr beide denn überhaupt hier ?" fragte ich ihn und seinen Freund. Er lacht kurz auf. "Ich war noch nie auf einer Demo und ich hab meinen Kumpel überredet, dass wir denen hier in die Gasse folgen. Ich dachte, hier gäbe es ein bisschen Action. Und nun hängen wir in dem Kessel rum. Ist aber irgendwie lustig. Hab ich noch nie erlebt." Wir teilten uns noch ein Stückchen von dem trockenen Brot, das die Frau uns vom Balkon geworfen hatte.

Einige Minuten später kam die erste Pizzalieferung. Nicht von der Polizei. Einige Demonstranten hatten sie zuvor bei einem Pizzaservice bestellt. Etwas zu essen gab es in dem Kessel nicht. Ein junger Mann brachte die Lieferung und wurde von
den Polizisten durch die Absperrung gelassen. Er trug eine schwarze Kiste. "Normale Mageritha ?" fragte er in eine kleine Runde von Menschen.

Drei Pizzalieferungen. Es kam jeweils verschiedene Lieferanten, die verdutzt schauten, als sie den Kessel erreichten.
Die Polizisten wunderten sich über die Bestellungen, schüttelten die Köpfe. Mit Begleitung von der Polizei durften die Pizzalieferanten zu ihren Kunden gehen. Es wurde langsam dunkel. Und somit auch kühler. Dann wurden auch schon die ersten Personen abgeführt. Nach Brühl. So hiess es. In die Gefangenenensammelstelle (Gesa).

Gegen 20.30 Uhr war ich dran. Nach rund sechs Stunden Polizeikessel. Ich hatte Hunger und ich war müde.
"Was wird mir vorgeworfen ?" fragte ich den Polizisten, der mich am Arm führte. "Versuchte Gefangenenbefreiung und Beihilfe zum schweren Landfriedensbruch“, sagte der Polizist freundlich. "Sie wissen doch selbst, dass das nicht stimmt“, bemerkte ich. "Ja. Ich weiss auch nicht. Ich führe nur Befehle aus. Der Rest sagt ihnen dann der Sachbearbeiter." Ich wurde durchsucht, meine persönlichen Sachen musste ich abgeben. Mein Handy schaltete ich aus und musste es zu meinen anderen Sachen in eine Plastiktüte legen.

Ich bekam eine Nummer. Diese Nummer klebte nun auf meinen persönlichen Sachen. Und einen Aufkleber mit meiner Nummer klebte eine junge Polizeibeamtin auf meine Jacke. Während sie mir den roten Aufkleber aufdrückte fragte ich auch sie, was mir vorgeworfen wird. "Das kann ich ihnen nicht sagen. Das tut mir leid", sagte sie höflich. "Ich war nicht dabei. Wir machen hier nur unseren Job." Sie schaute mich mitleidig an. Sie versuchte krampfhaft zu lächeln. "Nun kommen sie bitte mit mir mit", forderte sie mich auf. Ich folgte ihr. Meine persönlichen Gegenstände wurden in einen Bus gelegt, der die Demonstranten zur Gesa bringen sollte.

Ich stieg in den Bus. "Tschüß", rief mir die Polizistin noch zu. Ich drehte mich nicht mehr zu ihr um. Neben einem jungen Mann war noch ein Platz frei. Er schaut aus dem Fenster. "Darf ich mich zu dir setzen ?" fragte ich ihn. "Na klar", antwortete er mir. Ich nahm Platz. Ich sass in der Mitte des Busses. Fünf Polizisten fuhren mit. Sie standen zuerst in den Gängen und schauten umher.

"Und was wird dir vorgeworfen ?" fragte ich meinen Sitznachbar. Er zuckte mit den Schultern: " Das hat mir bis jetzt noch niemand sagen können. Und dir ?" "Versuchte Gefangenenbefreiung und Beihilfe zum schweren Landfriedensbruch.“
."Gefangenenbefreiung ?" fragte er verdutzt. "Welche Gefangenen denn?" "Keine Ahnung." antworte ich.
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Die Fahrt zur Gesa dauerte rund 20 Minuten. Während der Fahrt wurde größtenteils geschwiegen. Viele der Insassen schauten aus dem Fenster. Oder lehnten ihre Köpfe gegen die Fenster und schlossen die Augen. Einige von ihnen versuchten sich dennoch mit kleinen Späßen bei Laune zu halten. Einige Demonstranten begannen aufgebracht mit den Polizisten zu diskutieren. Als der Bus in der Dunkelheit vor der Gesa ankam, durfte noch niemand aussteigen. Die Polizisten, die mit den Insassen im Bus waren, sagten, es müssten noch drei andere Busse „abgearbeitet“ werden.
Über vier Stunden stand der Bus vor der Gesa, ohne dass die Polizisten die Insassen hineinführten. Einige Polizisten sprachen mit den Demonstranten in dem Bus, andere hatten sich Stühle genommen und neben dem Bus Platz genommen. Sie aßen, rauchten, tranken Kaffee.

Zur Toilette durften die Insassen allerdings gehen. Sie wurden sie von den Beamten zu Dixieklos geführt, die sich vor der Gesa befanden.  "Es ist kalt", stellte ein junger Mann nach einiger Zeit fest. "Machen sie doch mal die Tür des Busses zu."
"Nein." lautet die Ansage eines Polizisten. Im Mittelteil des Busses war die Tür geöffnet, so dass Polizisten ein- und aussteigen konnten. Draussen war es kühl. Wind zog in den Bus. „Hat irgendwer noch einen Pulli ?“ fragte eine junge Frau mit großen braunen Augen. Ihre Schminke war zerlaufen. Sie sah sehr müde aus. Ihre Haare waren zersaust.
"Wir haben Hunger. Sie halten uns jetzt schon seit über zehn Stunden fest. Wann bekommen wir denn etwas zu essen ?" fragte ein Anderer. "Hier gibt es nichts." sagte ein Beamter.

"Und in der Gesa ? Gibt es da Buffett ?"  scherzte ein Demonstrant.
"Nein, kein Buffett." erwiderte der Polizist und schmunzelte dabei.
"Ich will hier raus. Das ist Freiheitsberaubung. Was wird uns vorgeworfen ?" erzürnte sich eine Blondine. Ein älterer Polizist sagte: " Ich weiss auch nicht, was ihnen persönlich vorgeworfen wird. Ich führe nur Befehle aus:" "Tolle Befehle, die sie hier ausführen", rief ein Mädchen wütend aus den letzten Reihen des Busses. "Ich will, dass sie jetzt sofort einen Richter in den Bus holen", forderte ein etwas älterer Mann mit leiser und bedachter Stimme den Polizisten auf. "Das geht nicht."
"Warum geht das nicht ?" fragte ich. Der Polizist mit Schnauzbart drehte sich zu mir: "Hier gibt es keinen Richter."
"Es gibt hier keinen Richter ?" wiederholte jemand. Der Polizist schüttelte seinen Kopf. "Das kann doch nicht sein, dass hier kein Richter vor Ort ist", stellte der ältere Mann fest. Er trug eine Brille. Einige graue Haare waren zwischen seinen braunen Haaren zu sehen. Er fuhr fort: "Ich fordere sie hiermit auf, einen Richter zu holen. Mir ist es auch egal, wie sie das machen. Ich will jetzt sofort einen Richter hier haben." "Das geht nicht." wiederholte der Polizist.

Ein junger Mann, der vor mir sass und zuvor einige Minuten schnarchend verbracht hatte, begann an zu schimpfen : "Das ist Körperverletzung und Freiheitsberaubung, was sie hier machen. Und keiner kann uns sagen, was uns vorgeworfen wird. Das kann doch nicht sein. Und wo ist der Richter ? Ich will hier jetzt endlich raus." Sein Sitznachbar versuchte ihn zu beruhigen, in dem er ihm sagte, er solle bloss nicht die nerven verlieren. "Toller Rechtsstaat," rief der aufgebrachte Insasse. Er beschwerte sich darüber, dass er nicht frei demonstrieren dürfe, ohne nicht gleich festgenommen zu werden. Er fluchte. Ich sah das 15-jährige Mädchen im Bus. Sie sass einige Reihen vor mir. Ihre zwei Zöpfe trug sie immer noch.
Zwischenzeitlich brachte ein Polizist Getränke in den Bus. Kleine Wasserflaschen aus Plastik. Mit Kohlensäure. Einige Insassen legten sich in die Gänge, um zu schlafen. Oder um es zumindest zu versuchen. Mit der Zeit wurde es immer ruhiger in dem Bus. Die Diskussionen mit der Polizei nahmen allerdings nicht ab. Sie wurden nur leiser, aber bestimmender.

Kurz vor Mitternacht fragte ein großgewachsener Polizist wieviele Minderjährigen sich im Bus befinden würden. Sie sollten ihre Arme heben. Ich zählte mit. Es waren acht Minderjährige im Bus. Sie wurden zuerst aus dem Bus gelassen. Kurz danach rief ein Polizist die Nummern auf, die jedem Insassen zuvor zugeteilt wurde. Jeder sollte seine persönlichen Sachen in die Hände nehmen. In Begleitung mit jeweils einem Beamten ging es einige Schritte zur Gesa. Es war kalt draussen. Mein Atem gefror.

Der Beamte, der mich begleitete war etwa drei Jahre jünger als ich. So sah er zumindest aus. "Was wird mir vorgeworfen ?" fragte ich ihn. "Das weiss ich auch nicht. Ich führe nur Befehle aus. Obwohl, warten sie, das steht hier auf dem Zettel." Er schaute kurz auf das Blatt Papier, das er in den Händen trug. "Sie haben an einer Demonstration teilgenommen", stellte er schüchtern fest. ."Gib mir mal den Zettel", forderte ich ihn auf und riss ihm den Zettel aus der Hand. "Ich soll an einer aufgelösten Demonstration teilgenommen haben ? An der Malzmühle, steht hier." sagte ich. Er zuckte die Schultern: "Wie schon gesagt, ich führe nur Befehle aus." „Das ist doch alles Quatsch.“ Sagte ich erbost und trat von einem Bein auf das andere. Vor mir stand der Demonstrant, der bereits im Bus neben mir sass. Ich schaute an ihm vorbei und blickte in die Gesa hinein. Ich stand noch ausserhalb - in der Kälte. Ich fror. Zwei Videokameras waren in der großen Halle aufgebaut.

In der Gesa waren viele Polizisten zu sehen. Die meisten von ihnen sassen an Schreibtischen. Andere von ihnen führten die Demonstranten durch die Gesa. Der Polizist, der mich begleitetet, forderte mich auf, mich von seinen Kollegen fotografieren zu lassen. Ich ging einige Meter und stellte mich auf eine Markierung. Grelles Licht kam mir entgegen. Ich schloss für einen Moment die Augen. Nach den Video- und Fotoaufnahme wurde ich an einen Tisch begleitet. Eine Polizistin durchsuchte mich und meine persönlichen Sachen. Es ging alles ganz schnell. Sie hatten sichtlich viel zu tun.

Die Gegenstände, die ich bei mir trug, legte die Polizistin in eine blaue Plastiktüte und schnürte diese zu. Die Polizistin gab mir eine neue Nummer. Diese Nummer klebte nun an meiner Jacke, an meinem Rucksack und auf der blauen Plastiktüte. Diesmal war sie weiß. Nicht rot. Dann musste jeder zu einer Aufnahmestelle. Zu einem der Schreibtische, die in der Halle aufgestellt waren. "Servus," begrüsste mich ein Mann, der die Koodination dafür übernommen hatte.
"Servus" sagte ich zurück.
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Es war bereits nach ein Uhr nachts. An dem Schreibtisch sassen zwei Männer, die meine Personalien aufnahmen.
"Einen schönen Aufenthalt"  wünschte mir einer von ihnen. Der Beamte führte mich weiter. Wir bogen um eine Ecke. Dort sah ich die Zellen. Sie sahen aus wie Käfige. Ich sah junge Menschen, die sich in den Käfigen befanden, einige von ihnen sassen auf dem Steinfussboden, andere hatten sich in Decken gewickelt und schauten aus den Käfigen hinaus. Es war laut.
"Wie viele Käfige gibt es denn hier ?" fragte ich. "Vierzehn Stück. Für jeweils rund 25 Personen. In Bonn gibt es allerdings auch noch Zellen. Vier Stück." Er begleitete mich einige Meter. Bis zu meinem Käfig. Er schloss mir die Tür auf. Ich ging hinein. Hinter mir wurde die Gittertür geschlossen. Zuerst stand ich einige Sekunden mitten in dem Käfig. Regungslos.
Plötzlich bemerkte ich denjenigen, der bereits im Bus neben mir sass. Er winkte mir zu. Und hielt einen Platz auf einer Decke für mich bereit. Ich setze mich und schaute mich um. Ich zählte. In meinem Käfig befanden sich 29 Personen. Die Käfige waren nicht groß. Etwa fünf mal fünf Meter..

Ich stand auf, schaute aus dem Gitter zu den Polizisten. Einige von ihnen sassen auf Stühlen, vor ihnen befanden sich Tische, auf denen Getränke standen. Sie unterhielten sich angeregt, lachten manchmal auf. Ein Polizist brachte – nachdem ein Insasse danach fragte - Weissbrot mit Wurst. Einige Minuten später gab es Käsebrote und Wasser in kleinen Plastikflaschen. Decken gab es nur zwei Stück in meinem Käfig. Der Steinfussboden war kalt. Einige Insassen rauchten, unterhielten sich, lagen schweigend auf dem Boden. Eine junge Frau strich einem jungen Mann über die Haare, der seinen Kopf auf ihre ausgestreckten Beine gelegt hatte. Ich drehte mich zu einem anderen Mitgefangenen, der auf der Decke neben mir sass. "Und was wird dir vorgeworfen ?" fragte ich ihn. "Keine Ahnung. Das hat mir keiner sagen können."
Er erzählte mir, er sei aus einem anderen Polizeikessel abgeführt worden. In eine Einzelzelle im Kleintransporter.
Sieben Stunden Kessel habe er hinter sich. Und dann noch mal vier Stunden Einzelzelle. Nach rund drei Stunden habe er etwas zu trinken bekommen, erzählte er mir. Er hatte rote Augen vor Erschöpfung. "Und es hat dir bisher noch niemand sagen können, was du angestellt haben sollst ?" fragte ich ihn. Der Achtzehnjährige schüttelte den Kopf. Ich schüttelte auch den Kopf. Und legte mich hin. Ich schloss die Augen, hörte den zahlreichen Stimmen zu. Plötzlich wurde derjenige aufgerufen, den ich im Bus kennen gelernt hatte. Er verschwand aus dem Käfig, winkte mir noch schnell zu.

Einige Minuten später wurde ich von einem Polizisten aufgerufen, als ich eine halbe Scheibe Käsebrot ass. "Na essen sie erstmal auf." sagte er zu mir. Der Polizist ging dennoch schon weiter. Ich trottete ihm hinterher. "Können sie mir bitte gleich noch eine Decke geben ? Es ist wirklich kalt." Ich hatte mich bereits darauf eingestellt, die Nacht in der Gesa zu verbringen. Er schaut mich verdutzt an. "Eine Decke ?" fragte er mich. "Es geht jetzt nach Hause." "Nach Hause ?" wiederholte ich. Er nickte, reichte einem Kollegen einige Unterlagen, der schaute mich von oben bis unten an, grinste mich an und wünschte mir noch eine gute Nacht. Eine Aussage sollte ich nicht machen. Einen Richter habe ich nicht gesehen.

Der Polizist drückte mir eine blaue Plastiktüte in die Hände. Darin befanden sich meine Gegenstände. Ich sollte nachschauen, ob noch alles drin war. War es. "Und jetzt unterschreiben sie hier." forderte er mich auf.
"Nein, das tue ich nicht." erwiderte ich. "Na gut. Dann quittiere ich das mal für uns beide." "Können sie mir bitte noch mal sagen, wie spät es ist ?""Halb drei." "Und was sollte das alles jetzt ?" fragte ich ihn. "Weiss ich auch nicht. Ich führe nur Befehle aus." "Was wird mir vorgeworfen ?" "Sie haben an einer aufgelösten Demonstration teilgenommen." "Aha. Sehr interessant. Und von wem kommen die Befehle", fragte ich naiv. "Von dem Polizeiführer." Er erzählte mir, dass die Käfige bereits seit Donnerstag in der Gefangenensammelstelle stehen würden. Verantwortlich für den Bau der Käfige sei das Land
Nordrhein-Wetfalen. Er schätze, dass sich rund 350 Menschen in den Käfigen befinden. Was denen vorgeworfen wird, konnte er mir allerdings nicht sagen. Er führte mich aus der Gesa. Zu einem Kleintransporter, der vor der Gesa stand.
Der Polizist  verabschiedete sich von mir. Ein anderer Polizist öffnete den Wagen für und ich nahm in der letzen Reihe Platz. Ich zitterte vor Kälte.

Ein Mädchen stieg noch zu, die zuvor auch mit mir in dem Bus sass. Sie sah erschöpft aus. Wir begrüßten uns und redeten über unsere Erlebnisse. Der Fahrer  bis zum Ausgang der Gesa. Er öffnete die Tür, wir stiegen aus. Während er wieder zurück fuhr, wurden wir mit Applaus von andern Menschen am Ausgang begrüßt. "Du bist wieder frei !" rief mir jemand zu.
Stimmt, ich war wieder frei. Nach rund 12 Stunden. Und das, weil ich neben einer Demonstration hergelaufen war.

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