"Biophilia" - das neue Album von Björk

von Martin Lange

bjoerg 2011Es gibt diesen einen Moment, in dem man einen Künstler ins Herz schließt. In diesem Fall waren es Spiegeleier. Mit der Textzeile "Er glaubt an Schönheit" wurden die Eier von Björk in eine Bratpfanne geschlagen. Das Video zu  "Venus As a Boy" auf ihren Solodebut von 1993 zeigt die isländische Sängerin und Songwriterin in ihrer Trollküche. Oranges, bauchnabel-freies Topp, verliebt - während sie mit einer Eidechse auf der Schulter schmust, von aufregenden Sex träumt und ihr dabei silberne Sterne wie ein Schwarm Fluchtfliegen um ihren Kopf schwirren. Das Video war ein Volltreffer. Aus der isländischen Kombüse direkt in die Herzen von Millionen Musikfans und damit in die Charts. Man war in Björk verliebt. Sie war der Gegenentwurf zum weiblichen Popstar der 90er Jahre.

Foto: Promo - www.björg.com


Alle paar Jahre erschienen weitere Alben und Videos mit weiteren dieser Tief-ins-Herz gehenden Björk-Momente. Der Clip zu "All Is Full Of Love" ist vielleicht das schönste Musikvideo aller Zeiten. Wir beobachten dabei zwei porzelanartige Industrieroboter, beide mit Björks glatten Gesichtszügen, beim zärtlichen Vorspiel. Nie ging einem Musik so nahe! Dann kam Lars von Trier, der Björk als Schauspielerin in seinem Musicalfilm "Dancer in the Dark" an den Rand ihrer Existenz führte. Das blinde Mädchen, das zu unrecht zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Die fast unerträgliche Tragik und Ungerechtigkeit von Björks Rolle brannte sich für immer ins Gedächtnis. Die Kunst von Björk war bis zu diesem Zeitpunkt immer greifbar und erfahrbar. Nach Lars von Triers Film ging die Liebe zu Björk kaputt, als hätte er etwas im Wesen der Sängerin grundlegend zerstört. Ihr Werk wurde immer schwieriger und abstrakter, was man zunächst mit den Label "Kunst" entschuldigen konnte. Mit dieser "Kunst" erreichte sie immer weniger die Herzen. Man kaufte Björks Alben aus Sentimentalität, aber hörte im Grunde die Musik und die Idee nicht mehr.

Das neue Album "Biophilia" ist nun der Höhepunkt dieses Verlustes. Das Album ist ein versponnenes Kunstwerk, das im Sommer mit einer Applikation fürs iPhone startete. Durch einen galaktischen Nebel  musste man diverse Planeten ansteuern, um dort für 1 Euro 49 erste Lieder und kleine Computerprogramme zu kaufen, die einen für einen Sekundenschlaf in Entzückung und dann in Langeweile entließen. Der Mut von Björk nach Innovation bleibt emotionslos in den Bits und Bytes der App stecken. Ein kalter lebloser Ort, keine Welt, kein versprochenes Universum. Nun erscheint die Musik auf CD. Björk hatte die Veröffentlichung noch ein mal um ein paar Wochen verzögert, um an den Songs zu feilen.  Das Album ist anstrengend. Man hat schon Probleme aufmerksam über den ersten Song zu kommen. Ein wirrer Mix aus Glockenspiel, Elektonik und klassischen Elementen vom ersten bis letzten Song des Albums. Wissenschaftler, Erfinder, Musiker, Schriftsteller und Instrumentenbauer haben an diesem Werk mitgearbeitet. Die Welt wird durch "Biophila" aber nicht besser oder schöner. Nobelpreise für Kunst oder Musik gibt es nicht. Ein Spiegelei in die Pfanne zu schlagen, das kann ein Herz erwärmen.

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