Mitten
im schönen Thüringer Wald steht dieser Neubau - eine
Konstruktion aus Glas, Stahl und Beton. Vor fünf Monaten wurde
er eingeweiht. Nicht zufällig ein paar Tage vor der
Landtagswahl. Zum PR-Termin erschienen: Dieter Althaus, damals
Ministerpräsident von Thüringen und Wolfgang Schäuble,
damals Bundesinnenminster.
Die
Skihalle von Oberhof - geplant als Trainingsstätte für
Hochleistungssportler. Ein Ort, an dem man auch im Sommer über
den Schnee rutschen kann.
Magdalena
Neuner (Biathlon-Weltmeisterin)
"Es
ist ne optimale Möglichkeit für uns jetzt im Juni, im Juli
auf Schnee zu laufen. Wir müssen dann nicht auf den Gletscher
fahren, was auch immer mit viel Anreise verbunden ist. Dann
zusätzlich die Höhe noch dazu, die auch ganz schön
schlaucht. Ich denke, dass ist wirklich optimal."
Kati
Wilhelm (Biathlon-Olympiasiegerin)
"Das
ist also eine abwechslungsreiche Runde, auch wenn es nur ja knapp
zwei Kilometer sind. Aber das was auf zwei Kilometer möglich
ist, ist glaube ich hier ausgeschöpft worden. Von dem her ist
es, wenn man weiß einfach man geht in eine Skihalle, das ist
wirklich das Optimum glaube was man wirklich haben kann an
Trainingsmöglichkeiten."
Die
Skihalle von Oberhof. 30 Zentimeter Schnee, die Lufttemperatur bei
konstant vier Grad minus. Ursprünglich geplant, ausschließlich
für Spitzensportler, können die Halle nun auch Touristen
nutzen. Im Gegensatz zu den deutschen Elitesportlern müssen sie
allerdings dafür zahlen. 14 Euro kostet eine Stunde.
Für
den Bau des 14 Millionen Euro teuren Projektes wurden auch sechs
Hektar Thüringer Fichtenwald abgeholzt. Ökologisch hoch
umstritten, ist die Skihalle ein weltweit einzigartiges Projekt.
Modernste Technik - finanziert vom Steuerzahler. Auf 700 000 Euro
werden allein die jährlichen Betriebskosten geschätzt.
Dirk
Bremermann (Marketing Skihalle Oberhof)
"Frage:
Diese Kosten, wer bezahlt die?
Diese
Kosten werden vom Land Thüringen getragen. Das heißt: die
Defizite, die eventuell erwirtschaftet werden, werden eventuell vom
Land Thüringen getragen. Aber wir sind jetzt bei einer sehr
starken Frequentierung durch Zuschauer, durch Breitensportler und
können eventuell sogar durch die Nutzerzahlen eine schwarze Null
schreiben."
Wenn
es im Winter draussen kalt ist, verirren sich nur wenige
Freizeitsportler in die moderne Skihalle. Die deutschen
Spitzenathleten sind in der 'weißen Jahreszeit' in der Regel
auf Wettkampftournee.
Dirk
Bremermann (Marketing Skihalle Oberhof)
"Frage:
Was sagen Sie jemanden, der sagt: ja das sind Steuergelder, die hier
in den Schnee gesetzt werden. 14 Millionen und 700.000 ....
Sicherlich,
ja. Aber dann müßte man ja fast jedes Sportprojekt in
Frage stellen für den Leistungssportbereich. Ob dann Skischanzen
gebaut werden, Bobbahnen ect. Das ist ganz ähnlich."
Muß
der deutsche Steuerzahler den Spitzensport mit Millionen
alimentieren? Ein
Frage, die selten öffentlich gestellt wird.
Klingenthal.
Ein idyllischer Ort in Sachsen. Hier steht seit vier Jahren die
Vogtlandarena. Der Bau: ein 17 Millionen Euro teures Prestigeobjekt
im Grenzgebiet zu Tschechien. Die Schanze: auch sie finanziert durch
öffentliche Gelder.
Konzipiert
wurde das Bauwerk einmal als deutsch-tschechisches Sport- und
Begegnungszentrum für Nachwuchsathleten. Dafür wurden
EU-Millionen beantragt.
Tassilo
Lenk (Landrat Vogtlandkreis, 01.09.2004)
"Über diesen neuen grenzenlosen Raum, die
Tschechen sind dazu gekommen, haben wir natürlich auch Mittel gefunden,
um dieses Angebot Europas - wir wollen zusammen wachsen - eben auch im
sportlichen Teil, so zu aktivieren dass diese wundervolle
Infrastruktur, diese einmalige in der Profilgebung in Europa einmalige
Schanze nun entstehen wird."
Über
zehn Millionen Euro hat die EU für dieses Bauprojekt ausgegeben.
Für eine Skisprungschanze, auf der einmal im Jahr ein
Weltcupspringen stattfindet. Doch was ursprünglich als
europäisches Musterprojekt gedacht war, erwies sich bald als
Millionengrab. Für das letztendlich der deutsche Steuerzahler
zur Kasse gebeten wurde.
Knut
Schreiter (Bund der Steuerzahler Sachsen)
"Zunächst
war hier eine Nachwuchsschanze geplant, eines deutsch-tschechischen
Begegnungszentrums. Leider ist dies nie mit Leben so richtig erfüllt
worden. Und insofern hat auch, berechtigterweise, die europäische
Union die Fördermittel zurück gefordert, Wäre der
Freistaat Sachsen nicht eingesprungen, wäre diese Maßnahme,
wäre der Ruin für den Vogtlandkreis gewesen.
SCHNITT
Schlecht geplant, schlecht gemacht und das Konzept ist
auch nicht stimmig. Hier fehlen die notwendigen Veranstaltungen, um
dieses Projekt profitabel zu gestalten."
Klingenthal
im Vogtland. Der 8000 Seelen Ort hat nun - die wohl modernste
Skisprungschanze der Welt.
Königssee.
Ein Wintersportzentrum mit einer Bobbahn. Weil hier im nächsten
Jahr eine Weltmeisterschaft stattfinden soll - und 2018 vielleicht
Olympia - wird kräftig investiert.
Markus
Aschauer (Chef Kunsteisbahn Königssee)
"Investitionsbedarf
ist derzeit bei 22 Millionen Euro netto. Dieser wird zum grössten
Teil aus dem Konjunkturpaket zwei gedeckt. Da gibt es bei uns eine
Kostendeckelung. Wir dürfen die Kosten auf keinen Fall
überschreiten und müssen die ganzen Baumaßnahmen bis
Ende des Jahres 2011 abschließen."
Ludwig
Hartmann (Landtagsabgeordneter der Grünen Bayern)
"Es
ist erst erstaunlich wie schnell da Steuergeld ausgegeben wird. Zum
Beispiel aus dem Konjunkturprogramm fließen 55 Millionen in
Spitzensportanlagen. Eishalle Inzel, in die Bobbahn am Königssee
22 Millionen. Und wenn man es damit vergleicht: In Oberbayern hat nur
jede dritte Schule im Konjunkturprogramm einen Zuschlag bekommen, um
ihr Gebäude zu sanieren. Also in Bayern sind faktisch die
Spitzensportanlagen mehr wert, als die Schulsanierung. Und das finde
ich erstaunlich.
Königssee
ist nur eine von vier deutschen Bob- und Rennschlittenbahnen. So viel
leistet sich sonst kein Land der Welt. Und: von den 15 Bahnen in
Europa stehen mehr als ein Viertel in der Bundesrepublik. Vier
Bahnen. Ein Erbe der deutschen Einheit. Vier Eisbahnen für
insgesamt nur 160 Athleten, die den Schlitten- und Bobsport
professionell betreiben.
Ludwig Hartmann
(Landtagsabgeordneter der Grünen Bayern)
"Für
mich ist ganz klar, für so eine Randsportart, dass da ein paar
Leute Bob fahren - kann man nicht mehrerer Anlagen in einem Land
unterhalten. Man müsste sich eigentlich darauf einigen: es
gibt nur einen Standort, den man dann faktisch dem entsprechend
unterhält. Aber es kann nicht sein, dass man faktisch
Konkurrenzstandorte im eigenen Land, faktisch vom gleichen betreibt.
Das wäre wie wenn eine Firma vier verschiedene Produkte hat,
sich gegenseitig Konkurrenz macht, aber die gleichen müssten
das Produkt bezahlen. Das kann ja nicht funktionieren. Und dann müsste
ganz offen zu mancher Region sagen: hier gibt es keine Geld mehr. Wir
haben uns auf einen Standort geeinigt, wo noch Geld reinfliesst,
aber dann auch, es ist gut damit."
Andreas
Trautvetter (Präsident Bob- und Schlittenverband Deutschland)
"Da
kann man viel sinnieren: brauchen wir vier?! Es gibt auch einen
Bundesrechnungshofbericht, der hat mal sämtliche
Trainingsfahrten aufaddiert und hat gesagt: das könnt ihr auch
auf einer Bahn machen. Aber wenn ich mich nicht in der Breite, in
allen Regionen stark aufstelle, dann kriege ich die Leistungsstärke
nicht hin."
Vorletztes
Wochenende in Oberhof, der Rodelweltcup. Ob im Einer der Frauen, ob
im Einer oder im Doppelsitzer der Männer - bei den 'Offenen
deutschen Meisterschaften' räumt Schwarz-Rot-Gold alle Medaillen
ab. Die anderen Nationen mutieren zu Statisten. 500 000 Euro im Jahr
kostet es allein, so eine Bahn wie in Oberhof zu unterhalten. Macht
zwei Millionen für vier Bahnen, nur an Betriebskosten.
Öffentliche Gelder, die bei Olympia Edelmetall garantieren
sollen.
Oberhof,
hierhin flossen nicht nur Steuermillionen für Sportstätten.
Kurz vor dem Spatenstich für die Skihalle im Mai 2008 wird
bekannt, gegen den Leiter des Bundesleistungszentrums, Wolfgang
Filbrich, ermittelt die Staatsanwaltschaft in Erfurt
wegen
des Verdachtes der Bestechung.
Hannes
Grünseisen (Sprecher Staatsanwaltschaft Erfurt)
"Dem
Beschuldigten wird Bestechlichkeit in Zusammenhang mit einer
Bewerbung im Jahr 2005 um den Auftrag für den Bau und die
Planung des Skitunnels in Oberhof vorgeworfen. Es besteht der
Verdacht, dass der Beschuldigte eine Bewerbung eines Planungsbüros
unterstützt hat, indem er Hinweise für die Präsentation
gab und hierfür geldwerte Zuwendungen erhalten hat."
Besonders
pikant: am Ende der 90er Jahre hatte Wolfgang Filbrich einen
Beratervertrag mit dem genannten Planungsbüro. Insgesamt rund
90.000 DM sollen dabei geflossen sein. Wofür genau: dazu äußert
sich der Leiter des Olympiastützpunktes in Oberhof bis heute
nicht öffentlich.
Hannes
Grünseisen (Sprecher Staatsanwaltschaft Erfurt)
"Bei
Bestechungsdelikten gibt es immer einen Bestochenen und einen
Bestechenden. Deswegen gibt es immer zwei Beschuldigte. So auch hier.
Einerseits den Mitarbeiter des Bundesleistungszentrums und
andererseits den Mitarbeiter des Planungsbüros."
Wolfgang
Filbrich bestreitet gegenüber 'Sport inside' die Vorwürfe
und teilt schriftlich mit: Die Stadt Oberhof und auch das Thüringer
Wintersportzentrum seien nicht Bauherr der Skihalle und deshalb in
den Gesamtvorgang der Finanzierung nicht einbezogen gewesen. Vor der
Kamera äußern will sich Filbrich nicht.
Auch
der Chef des Stuttgarter Planungsbüros, Uwe Deyle, bestreitet
die Vorwürfe, stand aber für ein Interview nicht zur
Verfügung. Schriftlich erklärt Deyle: Ihm seien aktuelle
Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in Erfurt "nicht bekannt".
Weiter heißt es:
ZITAT:
"Der
von Ihnen angesprochene Beratervertrag in den 90-er-Jahren war von
der Stadt Oberhof ausdrücklich, in vollem Umfang und im Vorfeld
genehmigt worden. (...)
Über
diese vertraglichen Leistungen hinaus und nach 1999 haben wir
keinerlei Zahlungen an Herrn Filbrich geleistet.
Bleiben
Fragen. Die Staatsanwaltschaft in Erfurt sucht weiter nach Antworten.
Fest steht die Steuermillionen in Oberhof und anderswo sind
ausgegeben. Nun wartet man darauf, das das ganze in Vancover durch
Medaillen gerechtfertigt wird.
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Bericht:
Thomas Purschke / Fred Kowasch
Kamera:
Lars Opitz / Peter Rosenbaum / Viktor Titz
Schnitt:
Alexandra Karaoulis
Redaktion:
Uli Loke
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