Doping-Studie: Manipulationen im Fußball


leistungsbeeinträchtigende Hemmung. Während die Ermüdungsgrenze aus der subjektiven Perspektive des Sportlers die Erschöpfungsgrenze markiert, liegt die objektive Leistungsgrenze unter Einbeziehung der autonom geschützten Reserve deutlich weiter hinten, und d. h.: Von der Ermüdung bis zur objektiven Erschöpfung „ist noch ein gehöriger Sicherheitsabstand gegeben“, nämlich der erwähnte Abstand von 20 bis 30 Prozent.

Durch aufputschende Dopingpräparate nun werden – wie sonst nur in einer Notsituation – die subjektiven Leistungsgrenzen „auf das Niveau der objektiven Leistungslimits angehoben“. Das hat zur Folge: Der Sportler „verspürt keine Müdigkeit; er findet so ungehinderten Zugang zu den letzten körperlichen Reserven und bringt sich damit in Lebensgefahr.“193 Das Risiko des Todes liegt dabei so nahe, dass es schon bei der nächsten unvorhergesehenen Belastungssituation real werden kann: Treten z. B. „besonders hohe Außentemperaturen oder hohe Luftfeuchtigkeit“ auf, „dann verfügt der Gedopte nicht mehr über die rettenden Selbstschutzmechanismen und gerät in das weithin bekannte Fiasko.“ Der Grund ist der erwähnte Eingriff: „Seine dafür angelegten Notfallsfunktionen sind bereits aufgehoben.“ Aus ethischer Perspektive ist ergänzend hinzuzufügen: Wenn das Gefährdungsrisiko durch eine Gabe pharmazeutischer Dopingsubstanzen so weit geht, dass es den Verlust der Überlebensfähigkeit in unvorhergesehenen Belastungs- oder Notsituationen einschließt, dann ist dies eine so schwer wiegende Beeinträchtigung der Güter Leib und Leben, dass die Dopinggabe nicht mehr verantwortbar ist.

Auch wenn die zuvor erwähnten Dopingberichte nur vereinzelte Schlaglichter auf Dopingpraktiken im Fußballsport werfen, deren Verallgemeinerbarkeit fraglich bleibt, zeigen sie doch, dass der DFB entgegen seiner offiziellen Darstellung ein Dopingproblem hatte. Noch einmal mit den Worten von Toni Schumacher: „Auch in der Fußballwelt gibt es Doping – natürlich totgeschwiegen, klammheimlich, ein Tabu.“194

Kommen wir nach diesem Exkurs noch einmal auf die umso dringenderen Kontrollen zurück. Statt sie einzuführen, blieb es bei der Situation, die Kirsch noch im November 1985 hausintern so vermerkte: „daß es noch eine ganze Reihe großer Verbände gibt z.B. Fußball, die bisher überhaupt noch keine Kontrollen durchgeführt haben.“195

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193 Ebenda.
194 Schumacher, T. (1987), 119.
195 Schreiben Kirsch an Felten (im Hause) vom 18. November 1985, 2. In: Kirsch-Nachlass, Mappe 87, „Doping 3“.
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